Das Anheben und Absinken des Widerrists und seine Bedeutung für die Reiterei

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Das Absinken des Widerrist wird insgesamt sowohl in Büchern zur Anatomie, als auch zur Reitlehre sehr wenig betrachtet.

Das Pferd hat kein Schlüsselbein

Eine der wichtigsten anatomischen Fakten über das Pferd und einer der maßgeblichen Unterschiede zum Menschen ist, dass das Pferd kein Schlüsselbein hat.

Der Brustkorb des Pferdes ist zwischen den Schulterblättern durch den sogenannten Schultergürtel, rein über Bindegewebe und Muskulatur, aufgehangen.

Diese Konstruktion ist absolut genial, denn sie fungiert als Stoßdämpfer für die Vorhand des Pferdes und schont in der Bewegung, vor allem im Trab, Galopp und bei Sprüngen die Sehnen und Bänder der Vorderbeine. Diese Konstruktion ermöglicht es der Wirbelsäule sich in den Schultern zu heben und zu senken. Das Schulterblatt kann entlang des Brustkorbes nach vorne und nach hinten rotieren und dazu auf und ab “gleiten”.

Die Folgen eines falschen Trainings

Beim Vorwärts-Abwärts vor allem im Leichttrab kommt es leider oftmals zu einer Absenkung des Widerrists. Die “Stoßdämpfer” werden so unkomfortabel zusammengeschoben – ähnlich dem “straffen” Fahrwerk eines Sportwagens. Ein solcher kurzer “Federweg” führt zu erhöhter Belastung der Karosserie – im Fall des Pferdes, kommt es zu erhöhter Belastung der Vordergliedmaßen.
Eine Erhöhung der Geschwindigkeit (falsch verstandenes “Vorwärts”) verschlimmert dieses Problem zusätzlich, ebenso das Leichttraben.

Das Absenken und Anheben des Widerrists in einem Experiment das jeder nachstellen kann

Der leider verstorbene französische Reitmeister Jean-Claude Racinet hat vielfach in seinen Publikationen auf diese Problematik hingewiesen und an einem einfachen Experiment erklärt, wie jeder selbst diese Problematik nachvollziehen kann.

Dieses Experiment sieht wie folgt aus: Man stellt ein Pferd auf einen ebenen Boden und bringt den Kopf in eine normale Position, so wie das Pferd auch in der Natur stehen würde, wenn es nicht grast, aber auch nicht besonders aufgeregt ist.

Dann misst man die Höhe des Widerrists. Anschließend bringt man das Pferd dazu den Kopf maximal zu senken und misst den Widerrist erneut.

Zu guter Letzt bringt man das Pferd in Aufrichtung – allerdings bei offenem Genick und misst den Widerrist auch für diese Position. Die Gleiche Versuchsreihe wird anschließend noch mit einem Reiter durchgeführt und ebenfalls in allen drei Positionen wird die Widerristhöhe ermittelt.

Das Ergebnis ist verblüffend denn es stellt einige Theorien auf den Kopf.

Denn während die hohe Halsposition in beiden Fällen einen eher positiven Effekt ausmacht und sich der Widerrist anhebt, sinkt der Widerisst hingegen bei tiefer Halsposition um bis zu 4cm

(Mittlerweile gab es übrigens zum Anheben und Absenken des Widerrists auch eine seriöse Studie an der Unversität von Götingen. Dabei wurde eine Vielzahl von Pferden mit Hilfe von sehr exakt arbeitenden Lasergeräten vermessen. Die Studie belegt das Experiment von Jean-Claude Racinet noch einmal eindeutig)

Einer der wichtigsten Rumpfträger des Pferdes

Der gesägte Muskel – Musculus serratus ventralis – ist einer der wichtigsten Rumpfträger des Pferdes.

Der gesägte Muskel ist in der Bewegung daran beteiligt den Rumpf nachzuziehen. Bei fixiertem Gelenk hebt der Muskel den Rumpf an. Dieser Muskel ist daran beteiligt, dass der Widerrist des Pferdes bereits im Stand angehoben werden kann.

Bei korrektem Training mit angehobenem Widerrist und dem sich in Selbsthaltung bewegenden Pferd, wird das Pferd im Bereich der “Sattelkammer” breiter werden. Die Pferde “wachsen“ teils sogar im Stockmass.

Der Hintergrund dieses Wachstums ist das Verkürzen den Muskels durch das Training.

Das ist für unser Pferd erstmal toll – leider gibt es einen kleinen Nachteil – der schnell aber wieder zum Problem werden kann. Das „Breiter werden“ des Pferdes hat nämlich zur Folge, dass Sättel öfter kontrolliert werden müssen.

Was macht nun
das Wegdrücken des Rückens des Pferdes aus?

Setzen wir uns als Reiter auf ein Pferd tendiert der lange Rückenmuskel dazu zu kontrahieren – er zieht sich zusammen.

Dieses Zusammenziehen können wir recht deutlich sehen – unseriöse “Einrenker“ machen sich das leider auch gerne zu nutzen – in dem sie in die Muskulatur der Sattellage greifen – nahezu jedes Pferd drückt dann optisch den Rücken weg vor allem weil halt der lange Rückenmuskel kontrahiert.

Das verursacht schnell eine Kettenreaktion – je nach dem ob hier wirklich Probleme vorliegen – also Schmerzen entstehen oder durch das Pferd sich einfach nur etwas über das unkontrollierte Zusammenziehen erschrickt.

Der Muskel hat auch einen Halsteil und deshalb ziehen auch einge Pferde den Hals gleichzeitig hoch

Ein 2ter Aspekt ist das Strecken des Lumbosakralgelenks durch die Kontraktion der Strecker der Wirbelsäule

Dieser Aspekt verstärkt sich Vor allem wenn das Pferd vermehrt nach hinten heraus tritt und die Schubkraft die Bewegung dominiert.

Die Bedeutung der Bauchmuskeln

Leider wird in der Diskussion über den Rücken viel zu viel über Nackenband und Rückenmuskulatur gesprochen und zu wenig über die Bauchmuskulatur.

Dabei ist diese enorm wichtig. Wir sprechen hier von 4 Bauchmuskeln – die paarig angeordnet sind – also vier auf jeder Seite des Pferdes – insgesamt 8 Muskeln.

Die Bauch-Muskeln sind vor allem wichtig als Eingeweideträger und agieren quasi als Antagonist zur Rückenmuskulatur. Daher können sie auch nur arbeiten wenn die Rückenmuskulatur entspannt und dehnfähig ist. Bei Verspannung im Rücken zum Beispiel durch das Reitergewicht oder schlecht passende Sättel kann die Brustmuskulatur nicht richtig arbeiten. Die Muskelpartien behindern sich dann quasi gegenseitig. Und wie wir gesehen haben kann ein verspannter Kiefer sogar beide Muskelgruppen negativ beeinflussen bzw. umgekehrt zur Verspannung des Kiefers führen.

Arbeiten die Muskeln korrekt unterstützen sie zum einen  das Vorschwingen der Hinterbeine – zum anderen aber wölben sie auch die Rückenpartie auf und entlasten die Rückenmuskaltur und die Nackenrückenbandkonstruktion.

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Details (nicht im Video)

Der erste Muskel ist der gerade Bauchmuskel (rectus abdominis). Dieser Muskel zieht sich unter dem gesamten Brustkorb vom Brustbein, bis zum Hüftgelenk. Spannt das Pferd diesen an – dann zieht er den unteren Rand des Beckens nach vorn, es kommt zur Öffnung der Gelenke im Bereich der Lendenwirbelsäule und des Kreuzbeins und der Vorgriff des jeweiligen Hinterbeins wird ermöglicht. Die Brustwirbelsäule wölbt sich ebenfalls auf. Jeder kennt auch die Tests, bei denen man mit dem Finger oder zum Beispiel einem sogenannten Deuserstäbchen den geraden Brustmuskel reizt und testet ob das Pferd die Brustwirbelsäule aufwölben kann.

Der zweite Muskel ist der äußere Schräge Bauchmuskel – der Obliqus abdominis externus. Dieser Muskel verläuft von den Rippen bis zum Hüfthöcker und setzt dabei auch an der Innenseite des Oberschenkels an. Er ist ebenfalls an der Bewegung der Hinterbeine beteiligt, vor allem im Galopp – beim Vorschwingen des Hinterbeins.

Der dritte Muskel im Bunde ist der innere schräge Bauchmuskel der obliqus abdomins internus . Er ist nicht so sehr an der Bewegung beteiligt. Er verläuft vom Hüfthöcker, der Darmbeinfaszie zur letzten Rippe des Brustkorbs und zur Innenfläche der letzten 3 Rippenknorpel. Er dient vor allem zur Aufhängung des Brustkorbs am Hüfthöcker unterstützt aber auch die Atmung und das Herauspressen des Kots.

Der vierte Bauchmuskel ist der querverlaufende Bauchmuskel der transverus abdomins – dieser hat ebenfalls keine Bewegungsfunktion, sondern vor dient vor allem als Hängeaufrichtung für den Bauch. Er verläuft

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