Die Légèreté liegt förmlich auf der Zunge des Pferdes

Der Schlüssel zu feinem Reiter führt über einen der sensibelsten Teile des Pferdekörpers – dem Maul des Pferdes. Salomon de la Broue bemerkte bereits im 16. Jahrhundert:

»Die vollkommene Leichtigkeit des Pferdes beginnt schon im Maul«

Salomon de la Broue

Für Jean-Claude Racinet stellt der lockere Kiefer »das Kernstück des Reitens in Légèreté« dar, denn diese Leichtigkeit im Maul, »ist der sicherste Beweis, dass sich das Pferd im bestmöglichen Gleichgewicht befindet«

Viele Pferde haben leider gelernt, auf die „Anfragen“ der Reiterhände durch eine Verspannung im Unterkiefer und auch im Genick zu reagieren. Die Folge ist eine Verspannung des gesamten Pferdekörpers, welche entspannte Fortbewegung für Reiter und Pferd nahezu unmöglich macht. Diese Pferde liegen den Reitern oft »tonnenschwer« auf den Zügeln und der Reiter reagiert aus der Not heraus seinerseits mit Kraftoppositionen. Dieser Kampf ist für viele derart „normal“ geworden, dass sie ihre Kraftanstrengung in den Händen gar nicht mehr bemerken, ja diese sogar teilweise als den Beweis für die Anlehnung ansehen, bzw. die fehlende Kraftopposition des Pferdes als „fehlende“ Anlehnung ausmachen würden.

Die heute vielerorts gängige Ausbildungsmethode versucht sämtliche „Anlehnungs-“ und Steifigkeits-Probleme fast ausschließlich „in der Bewegung“ zu lösen. In der sogenannten »Lösungsphase« vom Sattel aus, soll das Pferd dazu gebracht werden, weniger fest im Maul zu sein und damit nicht „auf“ der Hand zu liegen. 

Leider erreichen die meisten Reiter mit Ihren Pferden keine wirklich zufrieden stellenden Ergebnisse. Neben der oft fehlenden Vorstellung davon, wie sich ein gelöstes Pferd bewegen soll, erreicht die Vorgehensweise selten das gewünschte Ergebnis. Die Folge sind (nach oftmals zu kurzer Schrittphase) sehr lange, ausgiebige Trabeinheiten, meist im Leichttraben, im sogenannten »Vorwärts-Abwärts«. 

Teilweise werden diese Einheiten sogar bis an den Rand der Erschöpfung ausgedehnt. Die Richtlinien Reiten und Fahren empfehlen für die Dauer der Lösungsphase sage und schreibe stattliche 20-30 Minuten (inklusive einer 10-minütigen Schrittphase, die wie gesagt selten eingehalten wird).

Die meisten Pferde sind mit einer derart langen Phase bereits am Rande ihrer möglichen Konzentrationsfähigkeit.

Reiter und Pferd beenden die Lösungsphase oft schon ausgepowert, aber »glücklich« da unter Ausschüttung von Glückshormonen (welche durch die »sportive« Betätigung hervorgerufen werden), das Ziel der Losgelassenheit (in der Muskulatur) ist dadurch jedoch meist nicht gegeben.

Wenn ein Pferd vor der Lösungsphase nicht »locker« und entspannt ist – resultiert logischerweise daraus der Schluss, dass der Reiter das Pferd, während dieser Lösungsphase »verspannt« bewegt. Diese Bewegungseinheit ist daher ipso facto „ungesund“. 

Aus dieser also „ungesunden“ Bewegung gehen neue Verspannung hervor oder aber bereits vorhandene Verspannungen können sich sogar intensivieren.

An dieser Stelle setzt das feine Reiten an, denn der Kerngedanke des „Reitens in Légèreté“ ist es ein Pferd NUR dann in Bewegung zu setzen, wenn sämtliche Gegenkräfte (in Form von negativen Spannungen bzw. Verspannungen) ZUVOR beseitigt worden sind. In jeder Gangart sollen die Pferde leicht in der Hand sein und sich in Selbsthaltung fortbewegen, sich also selbst tragen.

Während die Versammlung ein nachgelagertes Ziel in der Ausbildungsskala der deutschen Reitlehre ist, wird beim Reiten in Légèreté ein Grundmaß an Versammlung bereits durch die „Vorbereitung“ im Halt erzeugt und in der Bewegung beibehalten.

Ferner geht man in der Ausbildung soweit, ein Pferd anzuhalten, sobald man eine Verspannung im Pferdekörper verspürt, welche sich nicht umgehend beseitigen lässt (siehe auch: Trennung von Kraft und Bewegung).

Der Ursprung, bzw. der Gradmesser von Verspannung ist das Maul des Pferdes. Oder genauer gesagt, das Kiefergelenk.

Ein im Unterkiefer nachgiebiges Pferd ist in der Regel auch in übrigen Körperregionen entspannt (bzw. NICHT verspannt), sofern natürlich keine muskulären Probleme vorliegen, die ein Entspannen verhindern. Daher überprüft der Reiter zunächst VOR JEDER Bewegung die Nachgiebigkeit im Unterkiefer und fordert erst anschließend das Pferd auf, sich in Schritt, Trab oder Galopp zu versetzen..

»Die komplette Entspanntheit des Kiefers hat die Flexibilität im Genick und die Beizäumung (Ramener) zur Folge, sie stellen sich nach jener sozusagen von selbst ein. Auf die sanfteste Andeutung mit den Zügeln hin stellt sich der Kopf so, dass er der Senkrechten nahe kommt, ohne dass dabei der Hals an Aufrichtung verliert, seine Spannung vermindert oder seine Stellung ändert. Wann immer der Reiter von dem Pferd, das er ausbildet, etwas verlangt egal, worum es sich handelt, und werde diese Anforderung in der Arbeit an der Hand oder unter dem Sattel gemacht – stets muss er damit beginnen, das Pferd leicht zu machen, es vorerst in Légèreté zu bringen. Als allererstes also muss er die weiche Mobilität des Kiefers suchen. »

(Faverot de Kerbrech)

Liest man die Worte Faverot de Kerbrechs aufmerksam, so wird man feststellen, dass durch die Leichtheit im Kiefer bereits, ohne großartige weitere Einwirkung seitens des Reiters, eine Beizäumung „an der Senkrechten“ erzeugt wird. Diese Position nimmt das Pferd alleine ein – somit sprechen wir also nicht, von einer durch Handeinwirkung erzwungenen Kopf-Position.

Er macht auch deutlich, dass die Nachgiebigkeit im Kiefer – die Légèreté – nicht eine Folge des Arbeitens mit dem Pferd, sondern unumstößliche Voraussetzung für jegliche Bewegung des Pferdes ist.

„Was ist Lègéretè? Es ist die Abwesenheit von Widerständen in Form von Gewicht und Kraftanwendung gegenüber der Hand des Reiters und in Form von Widerständen der Trägheit gegenüber seinen Beinen“

Jean-Claude Racinet „Enfant terrible“ Seite 17

Die Nachgiebigkeit im Kiefer ersetzt natürlich nicht die „Arbeit“ im Schritt, denn trotzdem benötigt das Pferd einige Zeit bis Gelenke und Muskeln für weitere Tätigkeiten „vorbereitet“ sind. Sie präventiert aber, dass wir ein „verspanntes“ Pferd überhaupt in Bewegung setzen.

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