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Ein Grundsatz gilt für alle Beispiele in diesem Beitrag: KI soll die Einschätzung von Tierärztinnen, Tierärzten, Therapeutinnen und Therapeuten unterstützen, nicht ersetzen. In der Fachsprache heißt dieses Prinzip Human-in-the-Loop: Der Mensch bleibt fester Bestandteil des Prozesses, prüft die Ergebnisse der Maschine und trifft die Entscheidung. Man spricht auch von Augmented Intelligence, also von einer Intelligenz, die menschliches Fachwissen erweitert, statt es zu automatisieren. Das gilt für die Schmerzerkennung genauso wie für die Gebäudeanalyse.
Der Körperbau bestimmt mit, wie ein Pferd sich bewegt, wie es Last aufnimmt und welche Strukturen im Training besonders beansprucht werden. Studien an Renn- und Sportpferden haben Zusammenhänge zwischen einzelnen Gebäudemerkmalen und Problemen des Bewegungsapparats beschrieben (Anderson et al. 2004; Weller et al. 2006). Für Training, Beritt und Therapie ist das Gebäude daher ein wichtiger Ausgangspunkt.
Die klassische Exterieurbeurteilung mit dem Auge, auch in Form der linearen Beschreibung auf Zuchtschauen, hat jedoch eine bekannte Schwäche: Sie ist subjektiv. Untersuchungen an 44 Lipizzanerstuten des österreichischen Bundesgestüts Piber zeigten, dass sechs erfahrene Richter in ihren Urteilen nur mäßig bis gering übereinstimmten (Druml et al. 2015 und Folgearbeiten). Die Interrater-Reliabilität der Beurteilung mit dem Auge ist begrenzt: Zwei Fachleute können dasselbe Pferd unterschiedlich einschätzen, ohne dass einer von beiden „falsch“ liegt. Die messende Gebäudeanalyse soll diese Unterschiede verringern.
Die Vermessung des Pferdekörpers hat sich in mehreren Stufen entwickelt. Sie unterscheiden sich darin, wie die Messpunkte gefunden werden und wie viel Rechenarbeit die Maschine übernimmt.
Maßband, Messstock und Winkelmesser liefern direkte Werte am Tier (Somatometrie). Die Methode ist erprobt, aber zeitaufwendig, erfordert Kontakt mit dem Pferd und hängt stark davon ab, wie genau die Knochenpunkte ertastet werden. Wie man den Körperbau klassisch mit dem Auge und mit eingezeichneten Bezugslinien beurteilt, zeigt unser Ratgeber Exterieurbeurteilung beim Pferd.
Bei der fotobasierten Morphometrie werden auf einem standardisierten Seitenfoto (lateraler Aufnahmewinkel) anatomische Landmarken wie Widerrist, Buggelenk (Articulatio humeri), Hüfthöcker (Tuber coxae), Sitzbeinhöcker (Tuber ischiadicum) oder Sprunggelenk markiert. Aus den zweidimensionalen Koordinaten dieser Punkte lassen sich Gelenkwinkel, Streckenlängen und Proportionen berechnen, etwa das Verhältnis von Rumpflänge zu Widerristhöhe.

Wie verlässlich solche Messungen sind, beschreiben zwei Kennzahlen: die Intrarater-Reliabilität (dieselbe Person misst zweimal) und die Interrater-Reliabilität (verschiedene Personen messen dasselbe Foto). Angegeben wird sie meist als Intraklassen-Korrelationskoeffizient (ICC) oder im Bland-Altman-Verfahren. Mehrere Studien zeigen, dass die fotobasierte Morphometrie auch mit Smartphone-Fotos alltagstauglich ist: Bei 48 Arabern und Vollblütern stimmten markerlos am iPhone-Foto gemessene Längen sehr gut mit Maßbandwerten überein (Übereinstimmung 0,92 bis 1,00; Ünal, Paksoy & Güngör 2025). Bei 125 Quarter Horses wurden 28 Längen und Winkel aus standardisierten Smartphone-Fotos mit frei verfügbarer Software bestimmt und mit der Leistung im Barrel Racing in Beziehung gesetzt (Freitag et al. 2025).
Die geometrische Morphometrie geht einen Schritt weiter. Sie erfasst nicht nur einzelne Winkel, sondern die Form des ganzen Pferdes: über anatomische Landmarken und zusätzliche Semi-Landmarken, die entlang der Körperkontur verteilt werden. Eine generalisierte Procrustes-Analyse entfernt anschließend Unterschiede in Größe, Lage und Drehung des Pferdes im Bild, sodass nur noch die reine Form übrig bleibt. Statistische Verfahren wie die Hauptkomponentenanalyse machen daraus einen „Formraum“ (Shape Space), in dem sich Pferde und Rassen vergleichen lassen. An 44 Lipizzanerstuten des Gestüts Piber wurden so 246 Landmarken ausgewertet (Druml et al. 2015).
In der jüngsten Stufe übernimmt ein neuronales Netz das Setzen der Punkte selbst. Man spricht von Pose Estimation oder Keypoint-Detektion. Meist kommen Convolutional Neural Networks (CNN) zum Einsatz, die auf großen Bilddatenbanken vortrainiert und per Transfer Learning mit wenigen tausend von Hand markierten Pferdebildern (der Ground Truth) auf Pferde spezialisiert werden. Danach finden sie die Körperpunkte auf neuen Fotos oder in jedem Einzelbild eines Videos. Ein Forschungsteam der LMU München nutzte ein solches Modell mit 58 Referenzpunkten zur Lahmheitserkennung (Feuser et al. 2022). Eine Arbeit aus dem Jahr 2026 beschreibt ein neuronales Netz, das morphometrische Merkmale aus seitlichen Fotos schätzt und mit 1.000 standardisierten Bildern trainiert wurde.
Die derzeit umfangreichste offene Datengrundlage zur fotobasierten Gebäudeanalyse stammt aus der Schweiz. Forschende von Agroscope und der Universität Zürich haben das Modell „Horse Shape Space“ entwickelt. Es beschreibt die Form eines seitlich fotografierten Pferdes über 253 Landmarken und Semi-Landmarken.
Ursprünglich wurde das Verfahren an 403 Fotos von 243 Freiberger Hengsten erarbeitet (Gmel et al. 2018). 2024 veröffentlichte das Team einen erweiterten, frei zugänglichen Datensatz: 1.241 Pferde aus sieben europäischen Rassen mit 2.489 ausgewerteten Fotos (Gmel et al. 2024). Enthalten sind Freiberger, Europäisches Warmblut, Lipizzaner, Shagya-Araber, Lusitano, Vollblutaraber und Pura Raza Española. Ein Teil der Warmblut- und Freiberger-Fotos stammt aus den Archiven des Schweizer Nationalgestüts und reicht bis in die 1940er-Jahre zurück.
Für die Praxis sind vor allem zwei Befunde wichtig:
Das deckt sich mit einer älteren britischen Untersuchung an Rennpferden: Das Auffinden der Landmarke ist die größte Fehlerquelle, Längen hängen weniger von der Aufstellung ab als Winkel, und Huf- sowie Fesselwinkel reagieren am empfindlichsten (Weller et al. 2006). Die Schweizer Daten liefern damit nicht nur Referenzwerte für sieben Rassen, sondern auch eine klare Anleitung, worauf eine seriöse Fotoanalyse achten muss.
SomaTraxx ist ein Verfahren zur fotobasierten Gebäudeanalyse, das bei Pferde gesund bewegen entwickelt wurde. Es verbindet die landmarkenbasierte fotobasierte Morphometrie mit regelbasierter Auswertung und KI-gestützter Textformulierung. Wichtig ist das Betriebsmodell: SomaTraxx ist ein Human-in-the-Loop-System und damit ein Entscheidungsunterstützungssystem, kein Automatismus. Die Analyse wird nicht von einer Maschine allein erstellt, sondern von einem Fachmann durchgeführt, geprüft und freigegeben. Die Software misst und schlägt vor, der Mensch bewertet und entscheidet.



SomaTraxx stellt keine Diagnosen, ersetzt keine tierärztliche Untersuchung und gibt keine Kauf- oder Zuchtempfehlung. Die Analyse beschreibt den Körperbau auf einem Foto. Sie ist ein Werkzeug für Training, Therapieplanung und das Gespräch mit Fachleuten, nicht deren Ersatz.
Die Gebäudeanalyse ist nur ein Feld, in dem KI bei Pferden erforscht und eingesetzt wird. Die folgenden Beispiele zeigen die Bandbreite.
Die schwedische App Sleip wertet Videos eines vorgetrabten Pferdes mit neuronalen Netzen aus. Die Netze erkennen in jedem Bild Körperpunkte und berechnen daraus die Auf- und Abbewegung von Kopf und Becken. Im Vergleich mit einem Kamerasystem mit Reflexmarkern lag die mittlere Abweichung unter 2,2 Millimetern (Lawin et al. 2023). Daneben gibt es sensorbasierte Systeme, bei denen Bewegungssensoren (IMU) am Pferd die Daten liefern und neuronale Netze Unregelmäßigkeiten früh erkennen sollen.
Pferde zeigen Schmerz über feine Veränderungen an Ohren, Augen, Nüstern und Kaumuskulatur. Ein Modell auf Basis eines Convolutional Neural Network erkannte auf Fotos, ob Schmerz vorliegt, mit einer Trefferquote von 88,3 Prozent; bei drei Abstufungen lag sie bei 75,8 Prozent (Lencioni et al. 2021). Broomé und Kollegen zeigten bereits 2019, dass Bewegungsabläufe im Video die Erkennung verbessern. 2026 stellte ein internationales Team das System SHIC-XE vor, das Videobilder auf ein dreidimensionales Gesichtsmodell überträgt und sichtbar macht, auf welche Gesichtsregionen sich die KI stützt (Feighelstein et al. 2026). Solche Verfahren der Explainable AI (XAI) machen die Entscheidung der Maschine nachvollziehbar, etwa über Heatmaps. Die Autoren zeigen, dass sich das System auf dieselben Merkmale stützt, die auch erfahrene Tierärzte heranziehen, und betonen ausdrücklich: Die Technologie soll die tierärztliche Einschätzung unterstützen, nicht ersetzen.
Mit dem Datensatz Horse-10 (30 Vollblüter, 22 markierte Körperteile, über 8.000 Einzelbilder) wurde untersucht, wie gut Modelle zur Haltungserkennung auf Pferde übertragbar sind, die sie noch nie gesehen haben (Mathis et al. 2021). Das Ergebnis: Vortrainierte Modelle schneiden bei unbekannten Pferden deutlich besser ab, bleiben aber anfällig für einen Domain Shift, also für Bilder, die sich von den Trainingsdaten unterscheiden, vor allem bei kleinen Trainingsdatensätzen. Weitere Arbeiten nutzen Deep Learning, um Verhalten im Stall automatisch zu überwachen, oder um Emotionen am Gesichtsausdruck einzuordnen.
Ob Gang, Schmerz oder Gebäude: Die überzeugendsten Ansätze sind assistive KI nach dem Human-in-the-Loop-Prinzip. Sie liefern Fachleuten zusätzliche, objektive Informationen. Die Entscheidung, was ein Befund für das einzelne Pferd bedeutet, bleibt beim Menschen.
Für die fotobasierte Gebäudeanalyse sind vor allem diese Grenzen wichtig:
Folgende Entwicklungen sind absehbar:
Auch mit diesen Entwicklungen gilt: KI liefert Messwerte, Muster und Formulierungshilfen. Die Verantwortung für die Einschätzung eines Pferdes tragen Menschen mit Fachwissen.
Künstliche Intelligenz und fotobasierte Morphometrie machen die Gebäudeanalyse beim Pferd messbarer, vergleichbarer und nachvollziehbarer. Die Forschung, allen voran der Schweizer Horse Shape Space mit über 1.200 Pferden, zeigt aber auch, wo die Grenzen liegen: bei der Aufstellung, beim Auffinden der Landmarken und in der Aussagekraft eines einzelnen Fotos. SomaTraxx verbindet deshalb exakte Vermessung mit fachlicher Prüfung nach dem Human-in-the-Loop-Prinzip. Die KI unterstützt dabei, den Befund verständlich zu formulieren. Sie ersetzt weder den geschulten Blick noch die tierärztliche Untersuchung.
Drei Seitenfotos hochladen und einen persönlichen Bericht zu Gebäude, Proportionen und Trainingshinweisen erhalten.
Zur AnalyseWarum bewegt sich mein Pferd eigentlich so, wie es sich bewegt? Die Methodik hinter der Gebäudeanalyse.
Zum OnlinekursKnochen, Gelenke und Muskeln verstehen, auf denen jede Gebäudeanalyse aufbaut.
Zum OnlinekursFAQ
Eine KI kann auf Fotos Körperpunkte erkennen oder aus gesetzten Punkten Winkel und Proportionen berechnen und einordnen. Die fachliche Bewertung, was das für das einzelne Pferd bedeutet, sollte immer ein Mensch mit Fachwissen vornehmen.
Auf demselben Foto sind Messungen gut wiederholbar. Zwischen verschiedenen Fotos schwanken vor allem Winkel, weil die Aufstellung des Pferdes das Ergebnis beeinflusst. Längen und Proportionen sind stabiler. Mehrere gute Fotos erhöhen die Aussagekraft.
Ein Modell von Agroscope und der Universität Zürich, das die Form eines Pferdes über 253 Punkte beschreibt. Der offene Datensatz umfasst 1.241 Pferde aus sieben europäischen Rassen.
Human-in-the-Loop beschreibt KI-Systeme, bei denen ein Mensch fester Teil des Ablaufs ist: Die Maschine misst, erkennt oder formuliert, der Mensch prüft, korrigiert und entscheidet. Es ist das Gegenteil einer vollautomatischen Bewertung.
Die Vermessung eines Körpers anhand von Fotos. Auf einem standardisierten Bild werden anatomische Landmarken markiert, aus deren Koordinaten Winkel, Längen und Proportionen berechnet werden.
Nein. SomaTraxx beschreibt den Körperbau auf Basis von Fotos und stellt keine Diagnosen. Die Analyse ist eine Grundlage für Training, Therapieplanung und das Gespräch mit Tierärztinnen, Tierärzten und Therapeuten.
Ein scharfes Seitenfoto, auf dem das Pferd auf ebenem Boden geschlossen steht, die Kamera auf Höhe der Körpermitte und rechtwinklig zum Pferd. Eine ausführliche Fotoanleitung hilft, typische Fehler zu vermeiden.
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