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In meinen Fachartikeln verwende ich dafür seit Jahren dieselbe Definition:
„Unter Rehabilitation versteht man das Vorhaben, den vor der Beeinträchtigung (zum Beispiel Krankheit oder Verletzung) existenten physischen Zustand des Pferdes möglichst vollständig wiederherzustellen, um dem Pferd sein Bewegungspotential wieder zurückzugeben, den Körper auch längerfristig voll belastbar zu machen und vor erneuter Schädigung zu schützen.“
In diesem einen Satz stecken vier Aufgaben, die zeitlich weit auseinanderliegen: den alten Zustand wiederherstellen, dem Pferd sein Bewegungspotential zurückgeben, den Körper über Monate belastbar machen und ihn vor dem nächsten Schaden schützen. Die ersten beiden teilst Du Dir mit Tierarzt und Therapeut. Die letzten beiden bleiben bei Dir.
Viele Rehabilitationen beginnen mit einem Satz wie diesem: „Die nächsten 14 Tage auf hartem Boden Schritt gehen.“ Mancher Pferdebesitzer ist damit überfordert, mancher unterschätzt die Aufgabe, denn in diesen 14 Tagen zählt vor allem das Bewegungsmuster, in dem das Pferd die Strecke zurücklegt.
Wenn ich als Physiotherapeut ein Pferd nach einer längeren Stehzeit übernehme, interessiert mich zuerst, wie lange der erzwungene Bewegungsentzug gedauert hat. Je länger er andauerte, desto gründlicher hat sich der Körper auf diese neue Realität eingestellt. Bewegungsmuster, die vorher von allein liefen, sind dann keine „Selbstläuferprogramme“ mehr, und das Pferd muss sie neu lernen.
Therapeuten benutzen diesen Satz, weil er das Kernproblem der Rehabilitation in sieben Worten beschreibt. Die Schmerzvermeidungstaktiken, die während der Lahmheit entstanden sind, verschwinden nicht mit dem Schmerz. Sie bleiben als veränderte Haltungs- und Bewegungsmuster bestehen und stellen sich dem Heilungsprozess anschließend selbst in den Weg.
Dahinter steckt die Kompensation, vom lateinischen compensare, also ausgleichen: Ein Körperbereich meldet, dass er gerade nicht so gut kann, und ein anderer übernimmt einen Teil seiner Aufgabe. Für ein Flucht- und Beutetier gilt dabei ein alter Grundsatz, nämlich Probleme verstecken heißt überleben. Ist ein Muster einmal abgespeichert und schnell abrufbar, gilt es aus Sicht der Evolution als richtig, auch wenn der Auslöser längst verschwunden ist.
Uns Menschen geht es kaum anders. Wer nach einem Beinbruch wochenlang an Gehhilfen gelaufen ist und sie irgendwann ohne Anleitung weglässt, öffnet Hüftschiefständen und Problemen in der Wirbelsäule Tür und Tor. Kompensation ist dabei kein Fehler, sondern ein Signal, denn während der Genesung ermöglicht sie dem Pferd, sich überhaupt zu bewegen. Rehabilitiert werden muss sie trotzdem.
Viele Pferdebesitzer glauben, ein paar Wochen Spazierengehen würden das Pferd von selbst wieder ins Lot bringen. Leider legt es dabei jede Strecke in genau den Schmerz- und Schonhaltungsmustern zurück, die sich während der Verletzung eingeschlichen haben, und festigt sie mit jedem Tritt.
Ein Beispiel: Ein zwölfjähriger Wallach kommt nach acht Wochen Boxenruhe wegen einer Fesselträgerverletzung hinten links wieder in Bewegung. Nach vier Wochen Spazierengehen läuft er lahmfrei, tritt hinten links aber weiterhin kürzer als rechts. Zwei Jahre später steht die Diagnose Spat am linken Sprunggelenk im Raum, und den Zusammenhang zur alten Verletzung stellt zu diesem Zeitpunkt niemand mehr her.
Was das Pferd braucht, sind neue Bewegungsideen. Die Grundlage dafür ist die Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Training neu zu organisieren: Durch wiederholte, fein abgestimmte Reize lernt das Pferd, eine Bewegung anders auszuführen als bisher.
Naheliegend wäre es, das Pferd an die Longe zu nehmen und darauf zu hoffen, dass es seine Balance auf dem Zirkel von selbst findet. Auf gut Glück ist dafür leider genau der richtige Ausdruck, denn das Pferd ist von Natur aus ein Geradeausläufer. Schickt man es auf eine Kreisbahn, stellt es sich nach außen und rotiert den Brustkorb in die Bahn hinein. In freier Natur hält es diese Kurvenbewegung für fünf, sechs, sieben Meter durch und wechselt dann die Richtung.
An der Longe läuft es dagegen viele Minuten so, und ich kenne nicht wenige Pferdebesitzer, die ihr Pferd 10 bis 15 Minuten auf einer Hand gehen lassen. Eine Rechnung macht deutlich, was das bedeutet: Auf einem Zirkel mit 18 Metern Durchmesser sind 20 Runden etwa ein Kilometer, 20 Minuten Longieren in Trab und Galopp ergeben rund fünf Kilometer. Das ist ein Drittel der etwa 15 Kilometer, die ein Pferd in freier Natur am Tag zurücklegt, überwiegend im Schritt grasend. Für das Reha-Pferd ist diese Einheit damit die Bewegungsspitze des Tages, und 18 von 20 Minuten verbringt es in genau der Stellung und Rotation, die wir nicht haben wollen. Auf diese Realität formt sich der Körper um, auch wenn sie nur zweimal pro Woche stattfindet.
Dazu kommt die Einwirkung. Ist die Longe im Gebissring eingeschnallt, wirkt allein ihr Gewicht dauerhaft auf das Pferdemaul, in einem Winkel von etwa 90 Grad, den keine Reiterhand vom Sattel aus je erreicht. Je tiefer die Longe ansetzt, etwa an einer Longierbrille, desto eher verwirft sich das Pferd im Genick. Am Kappzaum ist der Winkel günstiger, eine gezielte Einwirkung auf den Körper fehlt aber auch dort.
Wohlgemerkt rede ich von dem, was ich „Zentrifugen-Longiererei“ nenne. Es gibt Menschen, die mit dem Pferd mitgehen, durch die ganze Bahn wandern und sehr behutsam auf Bewegungsmuster achten. Für die Rehabilitation bleibt die Arbeit an der Hand trotzdem das genauere Werkzeug, weil ich nah am Pferd bin und ganz ähnlich einwirken kann wie später vom Sattel aus.
Eine Rehabilitation läuft in Phasen ab, und diese Reihenfolge ist verbindlich. Am Anfang steht die Freigabe durch den Tierarzt, darauf folgt das Einbinden des geeigneten Netzwerks und danach das, was ich die „360°-Analyse“ nenne: die Vorgeschichte, die Haltung, das Pferd im Stand, das Pferd in der Bewegung, die Palpation und das Equipment. Erst dann geht es darum, über begleitende Therapie wieder Bewegung möglich zu machen, die Bewegungsschulung an der Hand zu beginnen, vorhandene Muster durch neue Bewegungsideen zu korrigieren und diese so lange zu üben, bis das Pferd sie versteht und abrufen kann. Ganz am Ende steht das Muskeltraining, und zwar in den neuen Mustern.
Massage, Mobilisation und das Lösen von Faszienverklebungen bringen den Pferdekörper in den bestmöglichen Zustand für kommende Bewegung. Ich nenne das „das Öffnen eines Tores“. Geöffnet ist es damit, durchschritten noch nicht. Warum die Faszien dabei so viel Gewicht haben, zeigt eine Zahl: Sie enthalten 90 Prozent der freien Nervenenden und liefern dem Gehirn damit den größten Teil der Rückmeldung über Lage und Spannung des Körpers.
Eine Rehabilitation als Pferdebesitzer ganz allein durchzuführen, ist eigentlich fahrlässig, und das ist ausdrücklich kein Vorwurf. Die Zusammenhänge im Pferd sind komplex, ein Symptom kann weit entfernt von seiner Ursache liegen, und diese Ursache liegt oft in einem Bereich, den ein Einzelner gar nicht beurteilen kann. Zum Netzwerk gehören der Tierarzt, der Physiotherapeut, der Osteotherapeut oder Heilpraktiker, der Sattler, der Hufschmied oder Hufbearbeiter, der Stallbesitzer, der Reitlehrer und nicht zuletzt Du selbst.
Ein Beispiel: Der Hufschmied sollte beim nächsten Termin über den Krankheitsverlauf, die bisherigen Behandlungen und den Trainingsplan Bescheid wissen. „No Hoof, no Horse“, sagen die Engländer. Durch die Stehzeit und den Bewegungsmangel haben sich die Hufe an die Situation angepasst, und darauf muss er reagieren, manchmal mit einer anderen Bearbeitung, manchmal mit einem anderen Bearbeitungszyklus.
Wenig sinnvoll ist es, das gesamte Netzwerk auszutauschen, sobald es hakt, denn meist wechselt man dabei nur die Gründe der Unzufriedenheit. Ein Therapeut sollte dauerhaftes Vertrauen genießen, aber nicht dauerhafte Präsenz vor Ort nötig haben. Die Arbeit zwischen den Terminen ist Deine.
Eine Hilfe ist für mich nichts anderes, als das Pferd über einen Impuls geschickt aus dem Gleichgewicht zu bringen, sodass es eine neue Bewegungsidee bekommt. Versteht es diese Idee, wird daraus über Training ein neues Bewegungsmuster. Die Bewegungsschulung beginnt deshalb unspektakulär, nämlich beim Führen und bei Deiner eigenen Körpersprache. Darauf bauen die ersten Seitengänge auf, die ich für den Schlüssel zu Balance und Gleichgewicht halte. Dabei unterscheide ich zwischen Einheiten, in denen das Pferd eine neue Bewegungsidee erst verstehen soll, Einheiten, in denen sich das Gelernte festigt, und den eigentlichen Trainingseinheiten, in denen Kraft aufgebaut wird.
Bewährt hat sich ein Rhythmus von drei bis vier Einheiten pro Woche am Pferd. Wer zu früh ins Kraft- und Ausdauertraining zurückkehrt, stärkt die Kompensation und damit genau die Muster, die er loswerden wollte.
Bewegungsmuster nach Verletzung oder langer Pause an der Hand Schritt für Schritt neu aufbauen.
Zum OnlinekursDie Zusammenhänge im Pferdekörper verstehen und das Faszientraining in die tägliche Arbeit einbauen.
Zum OnlinekursWarum bewegt sich mein Pferd eigentlich so, wie es sich bewegt?
Zum OnlinekursLahmfrei und rehabilitiert sind zwei verschiedene Zustände. Das Ziel einer guten Rehabilitation deckt immer auch die Vorbeugung künftiger Probleme ab, denn Arthrosen, Spat und Hufrollenentzündungen, die erst Jahre später diagnostiziert werden, können Folgen einer zurückliegenden Lahmheit und deren nicht erfolgreicher Rehabilitation sein. Ursache und Symptom werden dann leider selten miteinander in Verbindung gebracht.
Traditionelle chinesische Ärzte wurden übrigens dafür bezahlt, dass ihre Klienten gar nicht erst krank wurden. Kehrten Symptome zurück, hatten sie ihre Arbeit nicht gut gemacht. Auf Dein Pferd übertragen heißt das: Abgeschlossen ist die Rehabilitation erst, wenn das Problem nicht wiederkommt.
FAQ
Erst wenn Dein Tierarzt die Bewegung freigegeben hat. Tempo und Belastung stimmst Du danach mit Tierarzt und Therapeut ab; die Standortbestimmung und die Theorie kannst Du schon vorher angehen.
Nein. Beim Spazierengehen wiederholt das Pferd die Schonhaltung aus der Verletzungszeit und festigt sie mit jedem Tritt. Um ein Bewegungsmuster zu verändern, braucht es gezielte Arbeit an der Hand.
Als Mittel, um Bewegungsmuster zu verändern, nicht. Das Pferd ist ein Geradeausläufer und stellt sich auf der Kreisbahn von sich aus nach außen, sodass langes Longieren vor allem das unerwünschte Muster trainiert. Die Arbeit an der Hand erlaubt eine gezieltere Einwirkung.
Die tägliche Arbeit liegt bei Dir, die Beurteilung nicht. Tierarzt, Therapeut, Hufbearbeiter und Sattler müssen voneinander wissen, was der jeweils andere gerade tut.
Daran, dass das ursprüngliche Problem nicht wiederkommt. Lahmfreiheit allein reicht als Zeichen nicht aus: Der Wallach aus dem Beispiel oben lief lahmfrei und trat hinten links trotzdem kürzer.
Wenn Du diesen Weg mit Deinem Pferd gehen möchtest, begleite ich Dich in meiner Masterclass „Pferde Rehabilitation in der Handarbeit“ sechs Wochen lang von der Standortbestimmung bis zum eigenen Reha- und Trainingsplan. Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Untersuchung, und bei jeder Unsicherheit gehört zuerst der Tierarzt ans Pferd. Wissen ist der erste Schritt zu einem gesunden Pferd.
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