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Das Exterieur ist die äußere Erscheinung des Pferdes, also sein Körperbau mit allen Proportionen, Winkeln und Stellungen. In der Pferdesprache heißt das auch Gebäude. Bei der Exterieurbeurteilung wird dieses Gebäude in einer festen Reihenfolge angesehen und beschrieben: Wie ist das Pferd proportioniert, wie sind Schulter und Hinterhand gewinkelt, wie ist der Hals angesetzt, wie verläuft der Rücken, wie ist die Kruppe geformt, wie stehen die Beine, wie sehen Fesseln und Hufe aus?
Pferde wurden schon immer so beurteilt. Johann Elias Ridinger hat um 1770 die gute Gestalt des Pferdes beschrieben und sich ebenso mit seinen Mängeln beschäftigt, und François Robichon de La Guérinière hat in seiner „École de cavalerie“ die einzelnen Körperteile benannt und gezeichnet. Die Begriffe haben sich seitdem kaum verändert. Verschoben hat sich die Frage dahinter, von der Schönheit hin zur Funktion: Welche Bewegungen dürften diesem Pferd leichtfallen, wo braucht es Unterstützung, und worauf sollten Training und Ausbildung Rücksicht nehmen?
Wer anfängt, das eigene Pferd zu analysieren, läuft Gefahr, von Merkmal zu Merkmal ein schlechteres Gefühl zu bekommen. Man wird zum Fehlersucher am eigenen Pferd. Ich habe deshalb für mich die Wörter „schlecht“, „Problem“ und „Mangel“ an vielen Stellen aus dem Vokabular der Pferdebeurteilung gestrichen. Jede Abweichung von der Norm ist zuallererst eine „Chance“, denn mit dem Wissen um eine Baustelle können wir etwas für die Gesundheit, die Lebensqualität und die Langlebigkeit unseres Pferdes tun.
Das Ziel ist deshalb eine „höfliche, ehrliche und informative“ Beschreibung. Sie darf ruhig deutlich sein, denn anhand der Beschreibung sollte man das Pferd aus einer Liste anderer Pferde wiederfinden können.
Jede Beurteilung beginnt mit einem guten Aufstellbild. Du kannst Dein Pferd natürlich auch direkt im Stall ansehen, aber ein Foto hat einen großen Vorteil: Du kannst darauf Linien einzeichnen, Dir Zeit lassen und später vergleichen. Stell Dich dafür etwa zwei Pferdelängen vom Pferd entfernt auf und halte die Kamera so, dass das Pferd weder schräg zu Dir steht noch verkippt auf dem Bild erscheint. Das Pferd steht auf hartem und ebenem Boden, ist komplett im Bild und an keiner Stelle angeschnitten, der Hintergrund lenkt nicht ab, und die Sonne steht in Deinem Rücken statt im Gegenlicht.
Für eine vollständige Beurteilung brauchst Du vier Aufnahmen: von der linken Seite, von der rechten Seite, von vorn und von hinten. Die Hufe fotografierst Du zusätzlich aus Bodenhöhe, von vorn, von der Seite und von hinten.

Ein Punkt, den ich bei jedem Pferd überprüfe, ist das Aufstellen selbst. Bleibt das Pferd tatsächlich stehen, wenn es gleichmäßig auf allen vier Beinen steht, oder rutscht es nach wenigen Sekunden zurück in seine gewohnte Haltung? Zu zweit geht es am leichtesten: Eine Person hält das Pferd in der richtigen Positur, die andere fotografiert. Am Rechner drehst Du das Bild anschließend so, dass die Hufe auf der Seite, die Dir zugewandt ist, waagerecht stehen.
Ein altes Sprichwort sagt, dass es keine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt. Aus diesem Grund schauen wir uns jedes Pferd zuerst im Stand von der Seite an, mit genug Abstand, um das ganze Pferd mit einem Blick zu erfassen. Im Ganzen sollte es einen gleichmäßigen und harmonisch gebauten Eindruck machen, und Vorhand, Mittelhand und Hinterhand sollten proportional zueinander passen.
Der erste Blick ist kostbar. Gefällt Dir das Pferd? Nimm Dir einen Moment, um dieses Gefühl wahrzunehmen, und merk Dir das wichtigste Merkmal, das Dir auffällt. Die größte Abweichung vom erwarteten Harmoniebild liegt fast immer schon beim ersten Blick auf der Hand. Manchmal sind es mehrere, manchmal findet sich keine.

Wer schon etwas Übung hat, kann die Erwartung an Rasse und Geschlecht mit einfließen lassen. Sag Dir mit geschlossenen Augen „Ich sehe gleich eine Freibergerstute“, dann schau Dir das Foto an und merk Dir den ersten Eindruck. Der Vergleich mit diesem „Rassetyp“ und „Geschlechtstyp“ hilft sehr dabei, freundliche und trotzdem treffende Formulierungen zu finden.
Bei der Exterieurbeurteilung wird das Pferd in drei Bereiche eingeteilt. Die Vorhand reicht vom Kopf bis zur Schulter, die Mittelhand umfasst Rücken und Rumpf, und zur Hinterhand gehören die Kruppe und die Hintergliedmaßen. Es hilft, die anderen Bereiche beim Hinsehen so weit wie möglich auszublenden. Am Computer kannst Du dafür eine dunkle Fläche über die übrigen Bereiche legen, und Du kannst ein ausgedrucktes Foto auch einmal in drei Teile zerschneiden.

In der Vorhand schauen wir auf den Kopf, die Augen und den Gesichtsausdruck: Wirkt das Pferd entspannt, aufgeregt, oder lässt der Gesichtsausdruck Schmerzen vermuten? Wie sehen die Nüstern aus, wie das Maul? Dann folgen Hals, Widerrist und der Übergang zum vorderen Teil des Rückens, und schließlich die Vorderbeine mit Karpalgelenk bis hinunter zu Fesseln und Hufen. Die Vorhand trägt beim stehenden Pferd rund 60 Prozent des Körpergewichts.
Die Mittelhand ist die Verbindung zwischen vorn und hinten, sozusagen die „Brücke“ zwischen Vor- und Hinterhand. Die Rückenform ist mitverantwortlich für die Stabilität des Rückens und je nach Disziplin für die Leistungsfähigkeit. Passen die Oberlinie des Rückens und die Form des Bauches zueinander, wie verläuft der Übergang vom Widerrist zur Sattellage, und wie der Übergang von der hinteren Sattellage zur Kruppe?
Die Hinterhand ist der „Motor“ des Pferdes. Hier schauen wir auf den Übergang vom Rücken zur Kruppe, die Rundung der Kruppe, die Schweifhaltung und die Hinterbeine vom Knie über das Sprunggelenk bis zu den Hufen.
Ein gutes Hilfsmittel sind drei Kreise, je einer über Vorhand, Mittelhand und Hinterhand. Sie zeigen schnell, welcher Bereich nicht zu den anderen passt. Stuten brauchen dabei mehr Bauch. Wer die Kreise farbig einzeichnet, nimmt Grün für gut, Gelb für okay oder bemerkenswert und Orange oder Rot für bedenkenswert.
Die Harmonie eines Pferdes zu beurteilen, braucht zu Beginn tatsächlich eingezeichnete Linien. Mit etwas Übung sieht man sie später auch ohne Stift. Im Onlinekurs arbeiten wir mit dieser Reihenfolge:

Das Format zeigt, wie lang das Pferd im Verhältnis zu seiner Höhe gebaut ist. Du findest es mit vier Linien heraus. Zuerst ziehst Du eine waagerechte Linie vom höchsten Punkt des Widerrists in Richtung Kruppe, parallel zum Boden. An ihr lässt sich schon ablesen, ob das Pferd überbaut ist und wie die Oberlinie von der Sattellage über die Lende bis zur Kruppe verläuft.
Dann folgt eine Senkrechte an der Spitze des Buggelenks zum Boden. In der Idealvorstellung steht bei einem guten Aufstellbild die Hufspitze des Vorderbeins auf Höhe dieser Linie, und sie zeigt, ob das Vorderbein regelmäßig, rückständig oder vorständig steht. Die dritte Linie ist eine Senkrechte vom Sitzbeinhöcker zum Boden. Idealerweise verläuft sie entlang des Sprunggelenks und parallel zum Röhrbein des Hinterbeins. Zum Schluss ziehst Du eine waagerechte Linie unterhalb des Ellbogengelenks und eine Bodenlinie unter den Hufen.
Jetzt siehst Du, ob Du ein Hochrechteckpferd, ein Quadratpferd oder ein Rechteckpferd vor Dir hast. Bei einem Warmblut wünscht man sich ein Rechteckpferd, das länger als hoch ist und bei dem die beiden entstehenden Felder oberhalb und unterhalb der Ellbogenlinie gleich groß sind. Andere Rassen haben andere Zuchtziele, deshalb lohnt immer ein Blick in die Rassebeschreibung Deines Pferdes.

Beim Kopf unterscheidet man im Wesentlichen fünf Formen. Der gerade Kopf entspricht dem heutigen Schönheitsideal am ehesten, beim Keilkopf bilden Ober- und Unterlinie einen größeren Winkel. Die Ramsnase hat eine aufgewölbte Nasenpartie bei gerader Stirn, der Ramskopf eine insgesamt aufgewölbte Oberlinie, wie man sie häufig bei Barockpferden sieht, und der Hechtkopf eine nach unten gewölbte Oberlinie, typisch für das europäische Araber-Showpferd. Für die Leistungsfähigkeit oder die Eignung des Pferdes spielt die Kopfform keine Rolle.
Wichtiger als die Kopfform ist die Ganaschenfreiheit. Ganaschen nennt man den halbrunden hinteren Bereich des Unterkiefers. Zwischen ihm und dem Atlasflügel liegt die Ohrspeicheldrüse. Bei einem Pferd mit guter Ganaschenfreiheit passen mindestens zwei Finger in die Vertiefung an der Kehle. Sitzt dort viel Fett und Muskulatur, spricht man davon, dass das Pferd „eng in der Ganasche“ ist. Solche Pferde lassen sich nur schwer durchs Genick reiten, denn beim Beizäumen wird die Ohrspeicheldrüse gequetscht, und an der Seite treten dicke Wülste hervor.
Weniger Ganaschenfreiheit haben zum Beispiel viele Robustrassen mit kurzem, kräftigem Hals, Norweger, Haflinger und Isländer alten Schlages sowie viele kräftige Kaltbluttypen. Ein Pferd mit engen Ganaschen muss mit offenerem Genick geritten werden. Für den Reiter heißt das: Ein anderes Idealbild muss im Kopf entstehen.

Den Hals betrachten wir zuerst rassespezifisch. Er sollte der gewünschten Form der Rasse entsprechen, eine hinreichende Länge haben und an der Oberlinie gut bemuskelt sein. Die Bemuskelung ist eine Frage von Alter und Training.
Ist der Hals zu lang und stark gewölbt, kann der höchste Punkt hinter dem Genick liegen. Das nennt man Schwanenhals, und für das Reiten ist er nicht von Vorteil, weil sich das Pferd damit leicht dem Zügel entzieht. Ebenso unerwünscht ist ein zu tief angesetzter, steiler Hals, der Hirschhals: Die Muskulatur sitzt dann an der Unter- statt an der Oberlinie, was dem Pferd die korrekte Haltung sehr erschwert. Ein Speckhals sollte nicht mit guter Muskulatur verwechselt werden. Deutlich sichtbare Fetteinlagerungen am Mähnenkamm können ein zuverlässiger Hinweis auf eine Insulinresistenz sein, mehr noch als der allgemeine Ernährungszustand, und sie schränken oft zusätzlich die Ganaschenfreiheit ein.
Welche Form hat der Hals grundsätzlich, lang, kurz, Schwanenhals oder Hirschhals? Wie ist die Muskulatur, stark oder weniger stark, gibt es einen ausgeprägten Unterhals, einen Fettkamm oder einen Hengsthals, und gibt es rassebedingte Merkmale? Mit dem Lot auf halber Schulterhöhe aus Schritt 6 der Bezugslinien kannst Du außerdem ablesen, wie viel des Halses auf Oberhals und Unterhals entfällt.

Die ideale Schulter eines Reitpferdes verteilt das Gewicht möglichst gleichmäßig auf die Vordergliedmaßen und lässt ein weites Vorgreifen der Vorderbeine zu. Grundlage der Beurteilung ist das Schulterblatt mit seiner gut tastbaren Schulterblattgräte, der Spina scapulae. Eine steile oder kurze Schulter schränkt den Bewegungsradius der Vorhand ein, die Bewegungen werden kürzer und weniger raumgreifend. Rassetypisch kann eine steile Schulter bei Pferden sein, die in erster Linie Lasten in unwegsamem Gelände tragen sollten.
Einer der wichtigsten Punkte meiner physiotherapeutischen Grunduntersuchung ist immer die Beweglichkeit der Schulter, denn meist liegt genau hier der Knackpunkt. Viele Pferde sind in den Schultern sehr verspannt. Das Bein bleibt dann lange unter dem Rumpf am Boden, und das Pferd trainiert sich so dauerhaft eine rückständige Stellung der Vorderbeine an. Auch eine Trageerschöpfung kann die Stellung von Schulter und Vorderbeinen verändern. Weil das Pferd kein Schlüsselbein hat, hängt der Rumpf in einer Muskelschlinge zwischen den Vorderbeinen, und genau diese „Rumpfheber“, allen voran der Musculus serratus, müssen trainiert werden. Mobilisierung, Massage und ein verändertes Training können hier sehr viel erreichen.
Für den Rücken nutzen wir wieder die waagerechte Linie am höchsten Punkt des Widerrists. Im Idealfall liegen Widerrist und höchster Punkt der Kruppe auf gleicher Höhe. Liegt die Kruppe höher, wirkt das Pferd überbaut. Bei manchen Rassen, etwa beim Araber, liegt der Widerrist dagegen deutlich höher als die Kruppe. Eine Erhebung der Lendenpartie noch vor der Kruppe nennt man Karpfenrücken, eine eher seltene Rückenform. Häufiger ist der Senkrücken, bei dem die Sattellage deutlich durchhängt.

Bei jeder Rückenform stellt sich die Frage, ob sie angeboren oder erworben ist. Ein Senkrücken ist oft erst durch die Nutzung als Reitpferd entstanden. Auch der Eindruck „überbaut“ kann erworben sein: Bei einer Trageerschöpfung mit rückständiger Vorhand und verspannten Schultern sackt der Widerrist zwischen den Schultern ab, das Pferd wird vorn tiefer und wirkt überbaut. Mit gezielter Therapie und passendem Training lässt sich so ein Zustand durchaus wieder „zurückbauen“.
Das Verhältnis der Winkelung von Schulter und Hinterhand gibt Aufschluss über Gleichgewicht und „Kräfteverhältnis“ des Pferdes. Im Idealfall sind beide Winkel nahezu gleich. Wie weit sie auseinanderliegen, siehst Du, wenn Du die Schulterlinie und die Linie der Hinterhand gegen die Senkrechte vergleichst. Ein Beispiel: Bei vielen Arabern weichen die Winkelungen von Schulter und Hinterhand deutlich voneinander ab, und auch bei manchem Warmblut ist dieses Ungleichgewicht gut zu erkennen. Je größer der Unterschied, desto mehr muss das Training ausgleichen, was die Natur ungleich verteilt hat.

Die Kruppe ist der hintere Teil des Pferderückens. Zu ihr gehören die Kreuzbeinwirbel, die ersten Schweifwirbel und die drei Hüftknochen Darmbein, Sitzbein und Schambein. Eine lange, schräge und gut bemuskelte Kruppe gilt als reguläre Kruppe und ist die Voraussetzung für gute Schubentwicklung und Lastaufnahme.
Die übrigen Kruppentypen haben jeweils ihre eigenen Folgen. Eine überbaute Kruppe liegt höher als der Widerrist, das Pferd hat eine Bergabtendenz und nimmt weniger Last auf. Mit einer geraden Kruppe fußt das Pferd wenig unter den Schwerpunkt, die Lastaufnahme ist eingeschränkt, der Schub muss es nicht sein. Eine kurze Kruppe bedeutet kurze Hebel und tendenziell weniger Schub und Lastaufnahme, eine abgeschlagene Kruppe eher mehr Lastaufnahme als Schub.

Pferde mit flacher Kruppe bewältigen lange Strecken im Schritt und Galopp, während der Trab meist nicht ihre bevorzugte Gangart ist. Die Hinterbeine stehen oft etwas nach hinten vom Körper weg, das Versammeln fällt schwerer, und Knie-, Sprung- und Fesselgelenke werden bei steif aufgesetzten Hinterbeinen stärker belastet. Solange so ein Pferd seinem ursprünglichen Zweck entsprechend genutzt und gut trainiert wird, wird die flache Kruppe selten zum Problem. Soll das Distanzpferd aber zum Bewegungskünstler in der Reitbahn werden und wird dabei nach Schema X geritten, kann eine ganze Kettenreaktion in Gang kommen. Wir kennen leider sehr viele Vollblutaraber mit ausgeprägtem Senkrücken.
Eine steile Kruppe ist typisch für Gangpferde und Kaltblüter, die auf Zugkraft ausgelegt sind: Die Hinterbeine setzen weiter nach vorn und stemmen die Last über die Standfestigkeit nach vorn. Sie kann aber auch erworben sein, etwa bei Pferden, die zu früh und zu schnell ausgebildet oder mit viel zu tiefer Kopf-Hals-Achse über Tempo longiert wurden.
Ein Blick lohnt auch auf den Übergang von der Lendenwirbelsäule zum Kreuzbein, das Lumbosakralgelenk oder kurz LSG. Wie steil oder flach die Oberlinie hier nach hinten zur Kruppe abfällt, verrät viel darüber, wie die Energie aus der Hinterhand nach vorn übertragen wird. Das Training muss dann die Vorhand entlasten und das Pferd über nutzbare Energie aus der Hinterhand aufrichten. Die Hanken sollten schon im Schritt mehr einbezogen werden, zum Beispiel über korrekte Seitengänge.
An der Vorhand zeigen die Senkrechte durch das Buggelenk und die Winkel an Buggelenk und Ellbogen, ob das Vorderbein regelmäßig steht. Die bekanntesten Abweichungen sind das überstreckte und das vorständige Vorderbein sowie das vorbiegige und das rückbiegige Karpalgelenk. An der Hinterhand orientieren wir uns an der Senkrechten vom Sitzbeinhöcker. Hier unterscheidet man neben der regelmäßigen Stellung die überstreckte, die rückständige und die vorständige Hinterhand sowie das säbelbeinige Hinterbein.


Zu starke Abweichungen erschweren immer die gute Nutzung der Gelenke und ihrer Winkel. Ein Training, das auf die Analyse abgestimmt ist, hat deshalb stets zum Ziel, dass das Pferd seine Gelenkwinkel besser nutzt. Jeder Schritt in Richtung einer Verbesserung zählt.
In der Ansicht von vorn sollte bei einem ideal gebauten Pferd ein Lot vom Buggelenk die darunterliegenden Gelenke und den Huf mittig teilen. Der Abstand zwischen den Hufen beträgt beim Warmblut etwa eine Hufbreite, ein Kaltblut steht in der Regel breiter. Die bekanntesten Abweichungen sind bodeneng, bodenweit, zehenweit und die Kombination bodeneng und zehenweit.

Von hinten betrachtet verläuft bei guter Stellung ein gedachtes Lot von den Sitzbeinhöckern durch Sprunggelenk, Röhre, Fessel und Huf. Auch hier liegen etwa eine Hufbreite zwischen den Hufen. Abweichungen heißen eng oder bodeneng, weit oder bodenweit, kuhhessig und fassbeinig. Jede Abweichung führt zu einer Mehrbelastung bestimmter Bereiche und kann langfristig zum Beispiel Arthrosen begünstigen.

Solche Stellungen sind nicht immer angeboren. Viel öfter prägen die späteren Lebensphasen sie mit: zu wenig Bewegungsreize im Fohlen- und Jungpferdealter, fehlende korrigierende Hufbearbeitung, eine Haltung mit wenig Bewegung, zu frühes Anreiten, einseitige Trainingsreize wie Longieren über Tempo und eine zu lange oder zu starke Belastung durch das Reitergewicht. Viele sich abzeichnende Abweichungen lassen sich im Fohlenalter durch korrigierende Hufbearbeitung auffangen. Und auch beim erwachsenen Pferd liegt hier eine große Chance, über neue Trainingsreize langfristig korrigierend einzuwirken. Je stärker die Abweichung, desto länger dauert es.
Bei der Fessel achten wir auf Länge und Winkel. Kurze, steile Fesseln federn schlechter, die Erschütterungen gehen auf die Gelenke. Diese Pferde fußen schneller ab, bewegen sich kürzer und härter, und oft hört man sie auch lauter. Lange, steile Fesseln fußen langsamer ab und müssen nicht anfälliger für Sehnenerkrankungen sein, gut trainierte Sehnen halten enorme Kräfte aus. Lange, abfallende, weiche Fesseln dagegen machen anfälliger für Verletzungen, weil Sehnen und Bänder, vor allem der Fesselträger, schnell überlastet werden.

Die Hufe verraten viel über die Belastung des ganzen Pferdes. Hufverformungen entstehen durch ungleiche Belastung und ungünstige Haltungs- und Bewegungsmuster. Ändern sich die Bewegungsmuster, ändert sich mittel- bis langfristig auch die Hufform.
Ein bekanntes Beispiel ist das High-Low-Syndrom: Ein Vorderhuf ist flach gewinkelt, der andere steil, oft mit hohen Trachten. Als Ursache vermutet man bei vielen Pferden das Grasen im Fohlenalter. Fohlen mit relativ kurzem Hals stellen beim Fressen meist dasselbe Bein weit nach vorn, und das Hufwachstum spiegelt diese Haltung wider. Die Folgen reichen weit über den Huf hinaus: ungleich lange Schritte, eine im Seitenvergleich unterschiedliche Muskulatur, verspannte Schultern und oft eine deutliche Händigkeit. Eine komplette Angleichung der Hufe ist selten erreichbar, eine deutliche Verbesserung aber häufig. Dafür braucht es das Netzwerk aus Hufbearbeiter, Therapeut, Trainer, Tierarzt und natürlich dem Besitzer.
| Merkmal | Was es bedeuten kann | Chance im Training |
|---|---|---|
| Steile oder kurze Schulter | kürzere, wenig raumgreifende Bewegungen | Schulterbeweglichkeit mobilisieren, Rumpfheber trainieren |
| Eng in der Ganasche | Beizäumen fällt schwer, Ohrspeicheldrüse wird gequetscht | mit offenerem Genick reiten, Abkau- und Abbiegeübungen |
| Hirschhals | Muskulatur an der Unterlinie, Haltung fällt schwer | Oberlinie des Halses gezielt aufbauen |
| Speckhals | möglicher Hinweis auf Insulinresistenz | Stoffwechsel abklären lassen, Fütterung prüfen |
| Senkrücken | oft durch Nutzung erworben | Rücken über Tragkraft und Rumpfheber stärken |
| Überbaut wirkend | Bergabtendenz, weniger Lastaufnahme | prüfen, ob Trageerschöpfung dahintersteckt |
| Flache Kruppe | Versammlung fällt schwer, Gelenke der Hinterhand stärker belastet | Hanken schon im Schritt über Seitengänge einbeziehen |
| Steile Kruppe | kann angeboren oder durch falsches Training erworben sein | Tempo herausnehmen, Kopf-Hals-Achse nicht zu tief |
| Kurze, steile Fessel | harte, kurze Bewegungen, mehr Last auf den Gelenken | weicher Boden, gleichmäßiger Aufbau |
| Ungleiche Vorderhufe | asymmetrische Bewegung, Händigkeit | engmaschige Hufbearbeitung, Handarbeit an der Asymmetrie |
Ein Foto ist eine Momentaufnahme. Wie das Pferd gerade steht, verändert Winkel und Linien teilweise deutlich, deshalb sind mehrere Aufnahmen immer besser als eine. Das Exterieur zeigt außerdem, wie ein Pferd gebaut ist, aber nicht, wie es sich bewegt und ob es Schmerzen hat. Dafür braucht es die Beurteilung in der Bewegung, im Schritt und im Trab, und bei Verdacht auf Schmerzen immer den Tierarzt.
Vieles, was wir im Stand sehen, ist zudem nicht angeboren, sondern über Jahre entstanden. Der Körper baut sich nach dem Prinzip „Form follows function“ nach der Belastung um, die er täglich erlebt. Das gilt in beide Richtungen: Ungünstiges Training kann Fehlstellungen fördern, gutes Training kann sie Schritt für Schritt verbessern.
Auch unter Fachleuten gehen die Urteile auseinander. In einer Untersuchung an Lipizzanerstuten des Gestüts Piber stimmten sechs erfahrene Richter in ihren Bewertungen nur mäßig überein (Druml et al. 2015). Wie man den Körperbau über feste Messpunkte auf dem Foto vergleichbarer macht und wo auch diese Methode an Grenzen stößt, erklären wir im Beitrag KI in der Gebäudeanalyse beim Pferd. Eine Exterieurbeurteilung ersetzt weder die Kaufuntersuchung noch eine tierärztliche Diagnose.
Alles, was Du in diesem Ratgeber gelesen hast, kannst Du mit Stift und Foto selbst ausprobieren. Wer eine genaue Vermessung möchte, kann sein Pferd mit der Digitalen Pferdeanalyse auswerten lassen. Du schickst drei Seitenfotos, wir wählen die geeignete Aufnahme aus und setzen die anatomischen Messpunkte von Hand. Daraus berechnet unser Werkzeug SomaTraxx alle Bezugslinien, Winkel und Proportionen, und Du bekommst einen persönlichen Bericht mit Bildern, Erklärungen und Hinweisen für das Training. Die Analysebilder in diesem Artikel stammen aus solchen Auswertungen: von Ina, einer Andalusierstute, und von unserem Skelettmodell, an dem man die Knochenpunkte besonders gut sieht.

Wer den Blick selbst schulen möchte, lernt die Methode Schritt für Schritt im Onlinekurs Grundlagen der Pferdeanalyse, mit Übungspferden, Analysebögen und der Beurteilung in der Bewegung.
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Zum OnlinekursDer beste Einstieg ist ein gutes Foto Deines eigenen Pferdes und ein Stift. Zeichne die Linien ein, schau Dir an, was Dir auffällt, und schreib es auf Deinen Chancenzettel. Ich freue mich, wenn dieser Ratgeber Dir hilft, Dein Pferd mit anderen Augen zu sehen.
FAQ
Das Exterieur ist die äußere Erscheinung des Pferdes, also sein Körperbau mit Proportionen, Winkeln und Stellungen. Umgangssprachlich spricht man auch vom Gebäude. Bei der Exterieurbeurteilung wird es in einer festen Reihenfolge angesehen und beschrieben.
Das Pferd steht auf hartem, ebenem Boden gleichmäßig auf allen vier Beinen. Fotografiert wird aus etwa zwei Pferdelängen Abstand, gerade von der Seite, ohne Gegenlicht und ohne dass das Pferd angeschnitten ist. Dazu kommen Aufnahmen von der anderen Seite, von vorn und von hinten.
Zieh eine Waagerechte am Widerrist, je eine Senkrechte an Buggelenk und Sitzbeinhöcker, eine Linie unter dem Ellbogen und eine Bodenlinie. Ist das entstandene Feld länger als hoch, ist es ein Rechteckpferd. Beim Warmblut wünscht man sich zwei gleich große Felder über und unter der Ellbogenlinie.
Das sind Bezeichnungen für Abweichungen der Gliedmaßenstellung von vorn oder hinten. Bodeneng stehen die Hufe näher zusammen als die Gelenke darüber, zehenweit zeigen die Zehen nach außen, und kuhhessig stehen die Sprunggelenke hinten nach innen zusammen.
Knochenlängen und angeborene Winkel lassen sich nicht verändern. Vieles, was im Stand auffällt, ist aber erworben, etwa ein Senkrücken, eine überbaute Erscheinung durch Trageerschöpfung oder eine Fehlstellung durch einseitige Belastung. Hier kann gezieltes Training mit Therapie viel verbessern, oft über Monate.
Die Kruppe bestimmt mit, wie viel Schub und wie viel Lastaufnahme die Hinterhand leisten kann. Eine lange, schräge und bemuskelte Kruppe ist die Grundlage für beides. Flache, steile, kurze oder überbaute Kruppen haben jeweils eigene Folgen für Versammlung und Belastung.
Nein. Die Exterieurbeurteilung beschreibt den Körperbau und seine möglichen Folgen für Bewegung und Training. Gesundheitliche Befunde, Röntgenbilder und die Beurteilung von Lahmheiten gehören in die Kaufuntersuchung beim Tierarzt.
Ja. Bei der Digitalen Pferdeanalyse mit SomaTraxx werden auf einem Seitenfoto anatomische Messpunkte von Hand gesetzt, daraus berechnet die Software Linien, Winkel und Proportionen. Das Ergebnis ist ein persönlicher Bericht, der fachlich geprüft und freigegeben wird.
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