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Der Begriff Handarbeit ist etwas „unscharf“. Häufig wird er gleichbedeutend mit Bodenarbeit gebraucht, dabei bezeichnet die klassische Arbeit an der Hand eine ganz bestimmte Form der Ausbildung des Pferdes. Sie ist keine moderne Erfindung: Bereits im 16. Jahrhundert hielt sie Einzug in die Ausbildung und orientiert sich an den Lehren der alten Reitmeister. Bewahrt und weiterentwickelt wurde sie vor allem in den Zentren der klassischen Reitkunst in Österreich, Spanien und Frankreich, wo sie bis heute ihren festen Platz hat.
Das entscheidende Merkmal, das die klassische Handarbeit von aller übrigen Bodenarbeit trennt: Das Pferd ist so gezäumt wie beim Reiten, und wir kommunizieren über zwei Zügel in echter Anlehnung an die Hand des Menschen. Gearbeitet wird also mit dem Equipment, das Du aktuell auch für das Reiten einsetzen würdest. Der Mensch geht neben dem Pferd auf Höhe von Schulter und Kopf und führt es über die Zügel, nicht über einen Strick und nicht über eine Longe.
Weil Schenkel- und Gewichtshilfen vom Boden aus fehlen, stützt sich die Handarbeit auf Zügelhilfen, Gerte, Stimme und Körpersprache. Die fehlende treibende Schenkelhilfe wird teilweise durch die Gerte ersetzt. Auf Hilfsmittel wie Ausbinder verzichten wir selbstverständlich. Inhaltlich folgt die Arbeit einem klaren Aufbau: Am Anfang stehen saubere Übergänge, Halt–Schritt–Halt, danach Rückwärtsrichten und Übertreten, und erst darauf folgen die Seitengänge wie Schulterherein, Renvers und Travers. Genau diese Seitengänge sind das Herzstück, denn an der Hand lassen sie sich dem Pferd besonders gut verständlich machen.
Ein häufiges Missverständnis lässt sich schnell auflösen: Bodenarbeit ist der weit gefächerte Oberbegriff für alle Aktivitäten, bei denen der Mensch das Pferd vom Boden aus anleitet. Die klassische Handarbeit ist also eine Form der Bodenarbeit und nicht ihr Gegensatz. Innerhalb dieses Oberbegriffs unterscheiden sich die Methoden aber deutlich.
Freiarbeit ist die Arbeit ohne jede physische Verbindung zum Pferd. Auf Kappzaum oder Longe wird verzichtet, die Kommunikation läuft allein über Körpersprache und Vertrauen. Longieren bewegt das Pferd auf dem Zirkel um den Menschen herum, über eine gewisse Distanz; in der klassischen Form wird am Kappzaum longiert, ohne Hilfszügel, gesteuert über Longe und Gerte. Langzügelarbeit unterscheidet sich durch die Position des Menschen: Er geht hinter dem Pferd und arbeitet über lange Zügel oder Leinen. Die klassische Handarbeit schließlich ist die Arbeit neben dem gezäumten Pferd, mit echter Anlehnung über zwei Zügel und dem Schwerpunkt auf Seitengängen.
Die gängige Führarbeit am Halfter, das Weichen auf Kommando oder das Training mit dem Horsemanship-Stick gehören ebenfalls zur Bodenarbeit im weiteren Sinne. Klassische Handarbeit sind sie nicht, weil das Pferd dabei weder gezäumt ist noch in echter Anlehnung an die Hand arbeitet.
Für die Gymnastizierung und die Gesunderhaltung ist die klassische Handarbeit aus mehreren Gründen das ideale Werkzeug, und dieselben Gründe machen sie zum Werkzeug der Rehabilitation.
Der wichtigste: Sie findet ohne Reitergewicht statt. Ohne die Last des Reiters kann das Pferd leichter lernen, was gerade bei den Seitengängen eine große Hilfe ist. Ein Pferd, das neue, gesunde Bewegungsmuster aufbauen soll, wird so nicht zusätzlich belastet, während es umlernt. Das gilt besonders für Pferde, die vorübergehend keinen Sattel tragen können, und für Pferde, die sich unter dem Reiter schwer gymnastizieren lassen und Mühe haben, ihr Gleichgewicht zu finden.
Der zweite Grund ist die Nähe zum Pferd. Wer direkt neben dem Pferd steht, sieht jede Reaktion sofort, spürt Anlehnung und Spannung unmittelbar und kann mit feinsten Impulsen arbeiten. Kompensations- und Schonhaltungsmuster lassen sich so viel früher erkennen und gezielter beeinflussen als aus dem Sattel oder aus der Distanz der Longe.
Der dritte Grund ist die Übertragbarkeit. Weil das Pferd gezäumt ist und in echter Anlehnung arbeitet, anders als bei Freiarbeit oder Kappzaum-Longieren, lässt sich das, was an der Hand erarbeitet wurde, später nahtlos ins Reiten übertragen. Das Pferd versteht die Zügelhilfen bereits, wenn Reitergewicht hinzukommt.
Damit ist die klassische Arbeit an der Hand weit mehr als eine Notlösung für Zeiten, in denen nicht geritten werden kann. Sie ist ein eigenständiges, hochwirksames Werkzeug, um ein Pferd zu gymnastizieren, seine Tragkraft und Balance aufzubauen und es Schritt für Schritt in gesunde Bewegungsmuster zu führen.
Viele Reiter glauben, ein Pferd, das täglich geführt wird, sei damit auch gymnastiziert. Die Wahrheit ist leider: Im Spazierengehen werden die vorhandenen Bewegungsmuster genutzt, und meist ist das Tempo für „Korrekturen“ zu hoch. Einfaches Spazierengehen festigt genau die Schonhaltungsmuster, die das Pferd mitbringt. In der Handarbeit werden dagegen neue Bewegungsideen ins Pferd gebracht, verstanden, genutzt und erst dann trainiert. Der Mensch gibt Tempo und Bewegungen vor, die das Pferd spiegelt, und dadurch werden Bewegungsmuster verändert.
Die Grundlage dafür ist die Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Training neu zu organisieren. Durch wiederholte, fein abgestimmte Reize verändern sich neuronale und fasziale Verbindungen, und das Pferd lernt, seine Bewegungen bewusster, effizienter und gesünder auszuführen.
Die erste Übung braucht weder Reitplatz noch Seitengang. Ich nenne sie das „optimierte Führen“: Führen mit bewusst gewähltem Tempo und bewusster eigener Körperhaltung, so lange, bis das Pferd taktrein, ruhig und federnd geht. Daraus entsteht die Grundqualität für alles Weitere.
Das Tempo ist dabei der Hebel. Muss das Pferd deutlich langsamer, aber noch flüssig gehen, gerät es aus seiner gewohnten Balance und sucht sie neu. Die Gliedmaßen haben mehr Zeit zum Auf- und Abfußen, die eingespielte Körperintelligenz wird ausgehebelt, und das Pferd muss sich neu einrichten; insbesondere stellt sich die Hinterhand besser auf die Vorhand ein. Zu hohes Tempo bewirkt das Gegenteil: mehr Schubkraft, mehr Vorhandlast, gestrecktere Muster, ein unaufmerksameres Pferd. Langsamer heißt aber nicht energieloser. Nimmt der Mensch Energie, Aufmerksamkeit und Körperspannung heraus, bekommt er genau das vom Pferd zurück.
Das Schöne daran: Du kannst es überall einbauen, auf dem Weg in die Box, auf den Paddock, zum Reitplatz, im Stop & Go. Es geht nicht um das dauerhafte Üben einer bestimmten Haltung, sondern um wenige Meter in der korrigierten Version, immer dann, wenn Du siehst, dass Dein Pferd in ein ungünstiges Muster fällt. Das ist anstrengend für Körper und Kopf, für das Pferd und für Dich. Deshalb dosiert, mit Lob, und aus „viel zu langsam“ wird nach und nach wieder „normal“.
Schultervor, Schulterherein, Travers und Renvers sind keine Lektionen um ihrer selbst willen. Sie sind die Werkzeuge, die dem Pferd Bewegungseffizienz zurückgeben und es geraderichten. Der Aufbau folgt drei Schritten: erst die korrekte Innenstellung, dann etwas mehr Halsbiegung, woraus meist ein Schultervor wird, und dann die Frage, ob der Rest des Körpers mitbiegt. Daraus entsteht das Schulterherein.
Im Seitengang tritt das innere Hinterbein weiter vor und hat eine verlängerte Brems- bei verringerter Schubphase. Genau das ist der gesuchte Effekt bei einer nachgestellten oder rückständigen Hinterhand, bei erschwertem Untertreten und bei der Frage nach der Hankennutzung, und zwar als Einfluss auf die Qualität der Bewegung, nicht nur auf ihre Menge. Ein Beispiel: Das Schlenkern eines linken Hinterbeins lässt sich oft in einer Idee von leichtem Schulterherein korrigieren, weil das innere Hinterbein mehr vortreten muss. Hat das Pferd das Schulterherein an der Hand einmal verstanden, reicht beim Führen oft schon das Drehen der Schultern des Menschen nach links, ohne die Führrichtung zu ändern, und das Pferd reagiert auf die Körpersprache.
Der häufigste Fehler ist Perfektionismus. Wird die Form eingefordert, bevor Bewegung da ist, friert das Pferd in einer Haltung ein, die Schritte werden fest und klein, Takt und Atmung leiden. Das Prinzip lautet: flüssige Bewegung, kurze Formveränderung, zurück in die flüssige Bewegung. Eine gute Übung dafür ist die Figur 8, das „Durch den Zirkel wechseln“: Alle Ideen von Seitengängen, Rotationen, Biegung und Stellung lassen sich dort für kurze Momente einfließen, ohne zu lange auf einer Seite zu schulen. Höchstens ein- bis zweimal je Seite, denn auch das ist anstrengend.
Das Übertreten Schritt für Schritt gehört zu den Grundübungen der Arbeit an der Hand. Bei der Wendung um die Vorhand wandert die Hinterhand herum, häufig in Renversstellung; biomechanisch bedeutet das laterale Biegung, vermehrte Rotation der Brustwirbelsäule, Mobilisation des Beckens, Dehnung der Adduktoren und Aktivierung der schrägen Bauchmuskulatur. Die Wendung um die Hinterhand mobilisiert das Schulterblatt gezielt und fördert die Schulterfreiheit. Viele Pferde werden im Moment des Umstellens in der liegenden Acht spürbar freier in der Schulter.
Kaum ein Hilfsmittel in der Reiterei ist so alltäglich und zugleich so missverstanden wie die Gerte. In der Reitkunst der Renaissance und des Barock war sie kein Werkzeug zur Züchtigung, sondern ein Instrument der Kommunikation. Wer alte Kupferstiche von Reitmeistern wie de la Guérinière, Pluvinel oder Newcastle betrachtet, erkennt sofort: Die Gerte wurde stets aufrecht gehalten, als Teil der Haltung, nicht als Schlaginstrument. Sie war Verlängerung der Hand, nicht des Schenkels.
In der Handarbeit ist sie ein verlängerter Finger, eine Brücke zwischen Hand und Pferdekörper. Mit ihr kann man die Schulter berühren, um Stellung und Biegung zu unterstützen, den inneren Schenkel andeuten, ohne Druck, die Kruppe leicht ansprechen, um Balance und Aktivität zu verbessern, und sich mit seiner Körpersprache breiter machen. Das Ziel ist immer Koordination statt Kontrolle, Impuls statt Druck.
Wer lieber zuhört als liest: In der Sprechstunde „Frag die Krischkes“ der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg beantworten Christin und Wolfgang Krischke jeden Dienstag eine Stunde lang Fragen aus der Community, und ich bin als Pferdephysiotherapeut dabei. Zwei Ausgaben aus dem Herbst 2020 drehen sich ganz um die Handarbeit: Teil 1 um Equipment, Zügelführung und die ersten Schritte, Teil 2 um Seitengänge und typische Fehler.
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Mehr InformationenWarum überhaupt gymnastizieren, wenn das Pferd doch läuft? Weil Pferde Meister der Anpassung sind. Als Flucht- und Beutetiere sind sie darauf programmiert, selbst unter ungünstigen Bedingungen funktionsfähig zu bleiben. Ihr Körper reagiert auf jede Veränderung, ob durch Haltung, Fütterung, Training, Verletzung oder Belastung, mit Ausgleichsmechanismen. Für das Pferd gilt ein uralter Grundsatz: Probleme verstecken heißt überleben.
Kompensation bezeichnet den Ausgleich der verminderten Leistung eines Körperteils durch die gesteigerte Aktion anderer Körperteile. Vereinfacht gesagt: Ein Bereich meldet „Ich kann gerade nicht so gut“, und ein anderer Bereich übernimmt einen Teil der Aufgabe mit. Kompensation kann durch Training ausgeglichen werden, wenn man weiß, worum es geht. Training kann aber auch Kompensation hervorrufen, nämlich dann, wenn man es übertreibt, einseitig arbeitet oder nicht versteht, wie der Körper des Pferdes funktioniert. Genau deshalb müssen ungesunde Bewegungsmuster möglichst vor erneutem Kraft- und Ausdauertraining erkannt und verbessert werden. Die Handarbeit ist das Werkzeug, mit dem das gelingt.
Seit vielen Jahren gebe ich gemeinsam mit Christin und Wolfgang Krischke von der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg den Intensivkurs Handarbeit in unserer Online-Reitakademie. Sechs Wochen, von Equipment, Gebissen und Zügelführung über Kieferflexion und Abkauübungen bis zu den Seitengängen, begleitet von einer Facebookgruppe, in der inzwischen 1.176 Teilnehmer ihre Erfahrungen teilen. Wer ein Pferd nach Verletzung oder langer Pause wieder aufbauen will, findet in der Masterclass Rehabilitation in der Handarbeit den Weg, der bei der Standortbestimmung beginnt.
Sechs Wochen klassische Handarbeit mit der Online-Reitakademie der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg, inklusive Facebookgruppe.
Zum OnlinekursBewegungsmuster nach Verletzung oder langer Pause an der Hand Schritt für Schritt neu aufbauen.
Zum OnlinekursDie Zusammenhänge im Pferdekörper verstehen und das Faszientraining in die tägliche Arbeit einbauen.
Zum OnlinekursFAQ
Bodenarbeit ist der Oberbegriff für alles, was der Mensch mit dem Pferd vom Boden aus tut. Klassische Handarbeit ist eine Form davon: Das Pferd ist gezäumt wie beim Reiten, der Mensch geht neben Schulter und Kopf und arbeitet über zwei Zügel in echter Anlehnung, mit dem Schwerpunkt auf Seitengängen.
Das Equipment, das Du auch für das Reiten einsetzen würdest: Trense mit zwei Zügeln und eine Gerte als Taktgeber. Hilfszügel wie Ausbinder gehören nicht dazu.
Handarbeit ist ein eigenständiges Werkzeug zur Gymnastizierung, nicht nur eine Notlösung für Zeiten, in denen nicht geritten werden kann. Dieselben Gründe, die sie in der Rehabilitation wirksam machen, gelten für jedes Pferd: kein Reitergewicht beim Lernen, feine Impulse aus der Nähe und die Übertragbarkeit ins Reiten.
Mit dem optimierten Führen: bewusst gewähltes, meist langsameres Tempo und eine bewusste eigene Körperhaltung, bis das Pferd taktrein, ruhig und federnd geht. Das lässt sich auf jedem Weg zur Box oder zum Paddock einbauen, für wenige Meter, und ist die Grundlage für die Seitengänge.
Beim Spazierengehen nutzt das Pferd seine vorhandenen Bewegungsmuster, auch die ungünstigen, und das Tempo ist für Korrekturen meist zu hoch. In der Handarbeit gibt der Mensch Tempo und Bewegungsideen vor, die das Pferd spiegelt. Erst dadurch verändern sich Bewegungsmuster.
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