KI und Gebäudeanalyse Spezial

Künstliche Intelligenz in der Gebäudeanalyse des Pferdes: Methoden, Möglichkeiten und Grenzen

Wer ein Pferd beurteilt, schaut zuerst auf das Gebäude: Winkelung der Schulter, Form der Kruppe, Stellung der Gliedmaßen, das Verhältnis von Vorhand, Mittelhand und Hinterhand. Diese Einschätzung beruht bis heute überwiegend auf Erfahrung und geschultem Blick. Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Bildvermessung versprechen, sie objektiver, nachvollziehbarer und vergleichbar zu machen. Dieser Beitrag ordnet ein, welche Methoden es gibt, was die Forschung dazu sagt, wie das Analyseverfahren SomaTraxx arbeitet und wo die Grenzen der Technik liegen.

Ein Grundsatz gilt für alle Beispiele in diesem Beitrag: KI soll die Einschätzung von Tierärztinnen, Tierärzten, Therapeutinnen und Therapeuten unterstützen, nicht ersetzen. In der Fachsprache heißt dieses Prinzip Human-in-the-Loop: Der Mensch bleibt fester Bestandteil des Prozesses, prüft die Ergebnisse der Maschine und trifft die Entscheidung. Man spricht auch von Augmented Intelligence, also von einer Intelligenz, die menschliches Fachwissen erweitert, statt es zu automatisieren. Das gilt für die Schmerzerkennung genauso wie für die Gebäudeanalyse.

Warum die Gebäudeanalyse objektiver werden muss

Der Körperbau bestimmt mit, wie ein Pferd sich bewegt, wie es Last aufnimmt und welche Strukturen im Training besonders beansprucht werden. Studien an Renn- und Sportpferden haben Zusammenhänge zwischen einzelnen Gebäudemerkmalen und Problemen des Bewegungsapparats beschrieben (Anderson et al. 2004; Weller et al. 2006). Für Training, Beritt und Therapie ist das Gebäude daher ein wichtiger Ausgangspunkt.

Die klassische Exterieurbeurteilung mit dem Auge, auch in Form der linearen Beschreibung auf Zuchtschauen, hat jedoch eine bekannte Schwäche: Sie ist subjektiv. Untersuchungen an 44 Lipizzanerstuten des österreichischen Bundesgestüts Piber zeigten, dass sechs erfahrene Richter in ihren Urteilen nur mäßig bis gering übereinstimmten (Druml et al. 2015 und Folgearbeiten). Die Interrater-Reliabilität der Beurteilung mit dem Auge ist begrenzt: Zwei Fachleute können dasselbe Pferd unterschiedlich einschätzen, ohne dass einer von beiden „falsch“ liegt. Die messende Gebäudeanalyse soll diese Unterschiede verringern.

Welche Methoden gibt es?

Die Vermessung des Pferdekörpers hat sich in mehreren Stufen entwickelt. Sie unterscheiden sich darin, wie die Messpunkte gefunden werden und wie viel Rechenarbeit die Maschine übernimmt.

1. Manuelle Messung am Pferd

Maßband, Messstock und Winkelmesser liefern direkte Werte am Tier (Somatometrie). Die Methode ist erprobt, aber zeitaufwendig, erfordert Kontakt mit dem Pferd und hängt stark davon ab, wie genau die Knochenpunkte ertastet werden. Wie man den Körperbau klassisch mit dem Auge und mit eingezeichneten Bezugslinien beurteilt, zeigt unser Ratgeber Exterieurbeurteilung beim Pferd.

2. Fotobasierte Morphometrie mit Landmarken

Bei der fotobasierten Morphometrie werden auf einem standardisierten Seitenfoto (lateraler Aufnahmewinkel) anatomische Landmarken wie Widerrist, Buggelenk (Articulatio humeri), Hüfthöcker (Tuber coxae), Sitzbeinhöcker (Tuber ischiadicum) oder Sprunggelenk markiert. Aus den zweidimensionalen Koordinaten dieser Punkte lassen sich Gelenkwinkel, Streckenlängen und Proportionen berechnen, etwa das Verhältnis von Rumpflänge zu Widerristhöhe.

Fotobasierte Morphometrie am Pferd: Seitenfoto, von Hand gesetzte Landmarken und berechnete Achsen und Winkel
Vom Foto zur Messung: Auf dem Seitenfoto werden die Landmarken von Hand gesetzt, die Software berechnet daraus Achsen und Winkel. Beispielpferd Ina, Andalusier.

Wie verlässlich solche Messungen sind, beschreiben zwei Kennzahlen: die Intrarater-Reliabilität (dieselbe Person misst zweimal) und die Interrater-Reliabilität (verschiedene Personen messen dasselbe Foto). Angegeben wird sie meist als Intraklassen-Korrelationskoeffizient (ICC) oder im Bland-Altman-Verfahren. Mehrere Studien zeigen, dass die fotobasierte Morphometrie auch mit Smartphone-Fotos alltagstauglich ist: Bei 48 Arabern und Vollblütern stimmten markerlos am iPhone-Foto gemessene Längen sehr gut mit Maßbandwerten überein (Übereinstimmung 0,92 bis 1,00; Ünal, Paksoy & Güngör 2025). Bei 125 Quarter Horses wurden 28 Längen und Winkel aus standardisierten Smartphone-Fotos mit frei verfügbarer Software bestimmt und mit der Leistung im Barrel Racing in Beziehung gesetzt (Freitag et al. 2025).

3. Geometrische Morphometrie

Die geometrische Morphometrie geht einen Schritt weiter. Sie erfasst nicht nur einzelne Winkel, sondern die Form des ganzen Pferdes: über anatomische Landmarken und zusätzliche Semi-Landmarken, die entlang der Körperkontur verteilt werden. Eine generalisierte Procrustes-Analyse entfernt anschließend Unterschiede in Größe, Lage und Drehung des Pferdes im Bild, sodass nur noch die reine Form übrig bleibt. Statistische Verfahren wie die Hauptkomponentenanalyse machen daraus einen „Formraum“ (Shape Space), in dem sich Pferde und Rassen vergleichen lassen. An 44 Lipizzanerstuten des Gestüts Piber wurden so 246 Landmarken ausgewertet (Druml et al. 2015).

4. Automatische Punkterkennung mit Deep Learning

In der jüngsten Stufe übernimmt ein neuronales Netz das Setzen der Punkte selbst. Man spricht von Pose Estimation oder Keypoint-Detektion. Meist kommen Convolutional Neural Networks (CNN) zum Einsatz, die auf großen Bilddatenbanken vortrainiert und per Transfer Learning mit wenigen tausend von Hand markierten Pferdebildern (der Ground Truth) auf Pferde spezialisiert werden. Danach finden sie die Körperpunkte auf neuen Fotos oder in jedem Einzelbild eines Videos. Ein Forschungsteam der LMU München nutzte ein solches Modell mit 58 Referenzpunkten zur Lahmheitserkennung (Feuser et al. 2022). Eine Arbeit aus dem Jahr 2026 beschreibt ein neuronales Netz, das morphometrische Merkmale aus seitlichen Fotos schätzt und mit 1.000 standardisierten Bildern trainiert wurde.

Die Schweizer Referenzstudie: Horse Shape Space mit über 1.200 Pferden

Die derzeit umfangreichste offene Datengrundlage zur fotobasierten Gebäudeanalyse stammt aus der Schweiz. Forschende von Agroscope und der Universität Zürich haben das Modell „Horse Shape Space“ entwickelt. Es beschreibt die Form eines seitlich fotografierten Pferdes über 253 Landmarken und Semi-Landmarken.

1.241
Pferde im offenen Datensatz
7
europäische Rassen
2.489
ausgewertete Fotos
253
Landmarken und Semi-Landmarken

Ursprünglich wurde das Verfahren an 403 Fotos von 243 Freiberger Hengsten erarbeitet (Gmel et al. 2018). 2024 veröffentlichte das Team einen erweiterten, frei zugänglichen Datensatz: 1.241 Pferde aus sieben europäischen Rassen mit 2.489 ausgewerteten Fotos (Gmel et al. 2024). Enthalten sind Freiberger, Europäisches Warmblut, Lipizzaner, Shagya-Araber, Lusitano, Vollblutaraber und Pura Raza Española. Ein Teil der Warmblut- und Freiberger-Fotos stammt aus den Archiven des Schweizer Nationalgestüts und reicht bis in die 1940er-Jahre zurück.

Für die Praxis sind vor allem zwei Befunde wichtig:

  • Auf ein und demselben Foto sind die Messungen gut wiederholbar. Wer die Punkte zweimal setzt, kommt zu sehr ähnlichen Ergebnissen.
  • Zwischen zwei Fotos desselben Pferdes schwanken die Werte deutlich stärker. Die Aufstellung des Pferdes beeinflusst das Ergebnis also erheblich. Am unzuverlässigsten war der Punkt an der Schulter, am zuverlässigsten Genick und Hals.

Das deckt sich mit einer älteren britischen Untersuchung an Rennpferden: Das Auffinden der Landmarke ist die größte Fehlerquelle, Längen hängen weniger von der Aufstellung ab als Winkel, und Huf- sowie Fesselwinkel reagieren am empfindlichsten (Weller et al. 2006). Die Schweizer Daten liefern damit nicht nur Referenzwerte für sieben Rassen, sondern auch eine klare Anleitung, worauf eine seriöse Fotoanalyse achten muss.

Was ist SomaTraxx?

SomaTraxx ist ein Verfahren zur fotobasierten Gebäudeanalyse, das bei Pferde gesund bewegen entwickelt wurde. Es verbindet die landmarkenbasierte fotobasierte Morphometrie mit regelbasierter Auswertung und KI-gestützter Textformulierung. Wichtig ist das Betriebsmodell: SomaTraxx ist ein Human-in-the-Loop-System und damit ein Entscheidungsunterstützungssystem, kein Automatismus. Die Analyse wird nicht von einer Maschine allein erstellt, sondern von einem Fachmann durchgeführt, geprüft und freigegeben. Die Software misst und schlägt vor, der Mensch bewertet und entscheidet.

Ablauf einer SomaTraxx-Gebäudeanalyse nach dem Human-in-the-Loop-Prinzip: Mensch, Software und KI in sechs Schritten
Wer macht was? Fotos, Landmarken und Freigabe liegen beim Menschen, Berechnung bei der Software, nur der Textentwurf bei der KI.

So läuft eine Analyse ab

  1. Fotos: Pferdebesitzerinnen und -besitzer laden drei Seitenfotos und die wichtigsten Daten des Pferdes (Rasse, Alter) hoch. Daraus wird die am besten geeignete Aufnahme ausgewählt. Standortdaten (GPS) werden beim Hochladen automatisch aus den Bilddateien entfernt.
  2. Messpunkte: Die anatomischen Messpunkte werden von Hand auf dem Foto gesetzt, geführt durch eine Anatomie-Referenz mit Skelettausschnitt und Lupe. Grundlage ist die Methodik des Kurses „Grundlagen der Pferdeanalyse“.
  3. Berechnung: Aus den Punkten berechnet die Software Achsen, Winkel, Längen und Proportionen, unter anderem Rückenlinie und Rückenform, Schulterwinkelung, Kruppe, das Verhältnis von Schulter und Hinterhand, Halsachse, Format, Stellung von Vorder- und Hinterbein sowie Merkmale der Vorhandlastigkeit.
  4. Einordnung: Jedes Kriterium wird mit einer Ampel eingestuft. Eine Rassedatenbank mit über 40 Rassen ergänzt erklärende Hinweise, etwa dass ein hoch angesetzter Hals beim Araber rassetypisch ist. Rassetypische Merkmale werden dabei erklärt, aber nicht abgewertet.
  5. Befundentwurf mit KI: Ein großes Sprachmodell (Large Language Model, LLM) formuliert aus den Ergebnissen einen verständlichen Befundtext. Es erhält bewusst keine Messzahlen, sondern nur die Einstufungen und geprüfte Fachtexte aus einer eigenen, kuratierten Wissensdatenbank. Automatische Prüfregeln (Guardrails) verhindern, dass im Text Diagnosen, Medikamente, Prognosen oder Aussagen zum Wert oder zur Zuchteignung auftauchen, und senken das Risiko sogenannter Halluzinationen, also erfundener Inhalte.
  6. Freigabe durch den Menschen (Human-in-the-Loop): Der Entwurf wird fachlich geprüft, bei Bedarf überarbeitet und erst dann freigegeben. Ohne Freigabe trägt der Bericht sichtbar den Vermerk „Entwurf“. Kein Bericht geht automatisch an Kundinnen und Kunden.
  7. Bericht: Das Ergebnis ist ein PDF-Bericht mit annotierten Bildern, Messpunkten, Erklärungen und Hinweisen, was die Befunde für Training und Bewegung bedeuten können.
Messwerte der Gebäudeanalyse mit Ampel: Format, Rückenlinie, Halsachse und Fesselwinkel am Beispielpferd Ina
Einzelne Kriterien mit Messwert und Ampel, so wie sie im Bericht erscheinen. Beispielpferd Ina.

Was SomaTraxx kann

  • Nachvollziehbarkeit: Jede Einstufung beruht auf sichtbaren Linien und Winkeln im Foto. Wer den Bericht liest, sieht, woher eine Aussage kommt.
  • Vergleichbarkeit: Gleiche Messpunkte und gleiche Rechenwege machen Analysen verschiedener Pferde und verschiedener Zeitpunkte vergleichbar.
  • Zusammenhänge statt Einzelwerte: Die Wissensdatenbank beschreibt, wie Merkmale sich gegenseitig verstärken, ausgleichen oder erklären. Der Befund liest das Pferd als Ganzes.
  • Verständliche Sprache: Die KI hilft, Fachbefunde in einen gut lesbaren Text für Pferdebesitzer zu übersetzen, ohne die Messung selbst zu übernehmen.
  • Datenschutz und Einwilligung: Ob Fotos später für die Weiterentwicklung genutzt werden dürfen, entscheiden Besitzerinnen und Besitzer ausdrücklich und können diese Zustimmung widerrufen.
Seiten aus einem SomaTraxx-Beispielbericht zur Gebäudeanalyse, KI-generiertes Beispielpferd Carlo
Auszug aus einem Beispielbericht. Carlo ist ein mit KI erzeugtes Beispielpferd.

Was SomaTraxx bewusst nicht tut

SomaTraxx stellt keine Diagnosen, ersetzt keine tierärztliche Untersuchung und gibt keine Kauf- oder Zuchtempfehlung. Die Analyse beschreibt den Körperbau auf einem Foto. Sie ist ein Werkzeug für Training, Therapieplanung und das Gespräch mit Fachleuten, nicht deren Ersatz.

„KI liefert Messwerte, Muster und Formulierungshilfen. Die Verantwortung für die Einschätzung eines Pferdes tragen Menschen mit Fachwissen.“
Chris Debski

KI im Pferdebereich: Weitere Studien und Einsatzzwecke

Die Gebäudeanalyse ist nur ein Feld, in dem KI bei Pferden erforscht und eingesetzt wird. Die folgenden Beispiele zeigen die Bandbreite.

Gang- und Lahmheitsanalyse per Smartphone

Die schwedische App Sleip wertet Videos eines vorgetrabten Pferdes mit neuronalen Netzen aus. Die Netze erkennen in jedem Bild Körperpunkte und berechnen daraus die Auf- und Abbewegung von Kopf und Becken. Im Vergleich mit einem Kamerasystem mit Reflexmarkern lag die mittlere Abweichung unter 2,2 Millimetern (Lawin et al. 2023). Daneben gibt es sensorbasierte Systeme, bei denen Bewegungssensoren (IMU) am Pferd die Daten liefern und neuronale Netze Unregelmäßigkeiten früh erkennen sollen.

Schmerzerkennung am Gesichtsausdruck

Pferde zeigen Schmerz über feine Veränderungen an Ohren, Augen, Nüstern und Kaumuskulatur. Ein Modell auf Basis eines Convolutional Neural Network erkannte auf Fotos, ob Schmerz vorliegt, mit einer Trefferquote von 88,3 Prozent; bei drei Abstufungen lag sie bei 75,8 Prozent (Lencioni et al. 2021). Broomé und Kollegen zeigten bereits 2019, dass Bewegungsabläufe im Video die Erkennung verbessern. 2026 stellte ein internationales Team das System SHIC-XE vor, das Videobilder auf ein dreidimensionales Gesichtsmodell überträgt und sichtbar macht, auf welche Gesichtsregionen sich die KI stützt (Feighelstein et al. 2026). Solche Verfahren der Explainable AI (XAI) machen die Entscheidung der Maschine nachvollziehbar, etwa über Heatmaps. Die Autoren zeigen, dass sich das System auf dieselben Merkmale stützt, die auch erfahrene Tierärzte heranziehen, und betonen ausdrücklich: Die Technologie soll die tierärztliche Einschätzung unterstützen, nicht ersetzen.

Haltungserkennung und Verhalten

Mit dem Datensatz Horse-10 (30 Vollblüter, 22 markierte Körperteile, über 8.000 Einzelbilder) wurde untersucht, wie gut Modelle zur Haltungserkennung auf Pferde übertragbar sind, die sie noch nie gesehen haben (Mathis et al. 2021). Das Ergebnis: Vortrainierte Modelle schneiden bei unbekannten Pferden deutlich besser ab, bleiben aber anfällig für einen Domain Shift, also für Bilder, die sich von den Trainingsdaten unterscheiden, vor allem bei kleinen Trainingsdatensätzen. Weitere Arbeiten nutzen Deep Learning, um Verhalten im Stall automatisch zu überwachen, oder um Emotionen am Gesichtsausdruck einzuordnen.

Was die Beispiele verbindet

Ob Gang, Schmerz oder Gebäude: Die überzeugendsten Ansätze sind assistive KI nach dem Human-in-the-Loop-Prinzip. Sie liefern Fachleuten zusätzliche, objektive Informationen. Die Entscheidung, was ein Befund für das einzelne Pferd bedeutet, bleibt beim Menschen.

Wo liegen die Grenzen der KI in der Gebäudeanalyse?

Für die fotobasierte Gebäudeanalyse sind vor allem diese Grenzen wichtig:

  • Das Foto ist eine Momentaufnahme. Wie das Pferd steht, verändert Winkel teils erheblich (Weller et al. 2006; Gmel et al. 2018). Fachlich gesprochen ist die Reproduzierbarkeit zwischen verschiedenen Aufnahmen deutlich geringer als die Wiederholbarkeit auf demselben Bild. Ein einzelnes Foto kann ein Pferd daher in Grenzbereichen anders erscheinen lassen, als es ist. Mehrere Aufnahmen und eine gute Fotoanleitung sind deshalb Pflicht.
  • Zwei Dimensionen statt drei. Ein Seitenfoto ist eine 2D-Projektion eines dreidimensionalen Körpers. Es zeigt keine Stellung von vorn oder hinten und keine Verdrehungen. Kameraposition und Objektiv können Proportionen verzerren (Perspektiv- und Parallaxenfehler).
  • Knochenpunkte liegen unter Fell, Fett und Muskulatur. Die Landmarken müssen durch die Haut hindurch „gedacht“ werden. Gerade bei gut bemuskelten oder übergewichtigen Pferden sind manche Punkte nur näherungsweise zu finden.
  • Gebäude ist nicht Bewegung. Das Foto zeigt, wie ein Pferd gebaut ist, nicht, wie es sich bewegt oder ob es Schmerzen hat. Training, Muskulatur und Haltung verändern das Erscheinungsbild; manche Merkmale wie ein Senkrücken sind teilweise erworben und können sich verbessern.
  • KI ist nur so gut wie ihre Daten. Modelle, die überwiegend an einer Rasse oder an Pferden mit bestimmten Problemen trainiert wurden, übertragen ihre Maßstäbe nicht zuverlässig auf andere Pferde (Stichprobenverzerrung, englisch Selection Bias). Durchschnittswerte einer Stichprobe sind nicht automatisch „normal“ oder „ideal“.
  • Sprachmodelle können formulieren, aber nicht untersuchen. Ein KI-Text klingt schnell überzeugend. Deshalb braucht es klare Regeln, was ein Modell schreiben darf, und eine fachliche Freigabe vor jedem Versand.
  • Keine Diagnose. Weder Gebäudeanalyse noch App ersetzen die klinische Untersuchung, Röntgenbilder oder die Beurteilung in der Bewegung.

Ausblick: Wohin entwickelt sich die KI-gestützte Gebäudeanalyse?

Folgende Entwicklungen sind absehbar:

  • Automatische Punktvorschläge: Sobald genug sorgfältig markierte Fotos vorliegen (nach gängigen Erfahrungswerten mehrere hundert bis tausend), kann ein Keypoint-Modell die Messpunkte vorschlagen. Auch dann bleibt es beim Human-in-the-Loop: Der Mensch prüft und korrigiert, statt jeden Punkt selbst zu setzen. Für SomaTraxx ist dieser Schritt geplant, wenn die Datengrundlage mit Einwilligung der Besitzer groß genug ist.
  • Mehr Fotos statt einem: Werden mehrere Aufnahmen eines Pferdes kombiniert, sinkt der Einfluss einer ungünstigen Aufstellung. Die Einstufung wird stabiler.
  • Offene Referenzdaten: Datensätze wie der Schweizer Horse Shape Space machen es möglich, eigene Messungen mit großen Rassestichproben zu vergleichen.
  • Verknüpfung von Gebäude und Bewegung: Die Kombination aus Fotoanalyse, Videoanalyse und Sensordaten könnte künftig zeigen, wie sich ein bestimmtes Gebäude tatsächlich in der Bewegung auswirkt.
  • Verlauf statt Einzelbild: Wiederholte Analysen desselben Pferdes machen sichtbar, wie Training und Therapie die Oberlinie und die Bemuskelung verändern.

Auch mit diesen Entwicklungen gilt: KI liefert Messwerte, Muster und Formulierungshilfen. Die Verantwortung für die Einschätzung eines Pferdes tragen Menschen mit Fachwissen.

Fazit

Künstliche Intelligenz und fotobasierte Morphometrie machen die Gebäudeanalyse beim Pferd messbarer, vergleichbarer und nachvollziehbarer. Die Forschung, allen voran der Schweizer Horse Shape Space mit über 1.200 Pferden, zeigt aber auch, wo die Grenzen liegen: bei der Aufstellung, beim Auffinden der Landmarken und in der Aussagekraft eines einzelnen Fotos. SomaTraxx verbindet deshalb exakte Vermessung mit fachlicher Prüfung nach dem Human-in-the-Loop-Prinzip. Die KI unterstützt dabei, den Befund verständlich zu formulieren. Sie ersetzt weder den geschulten Blick noch die tierärztliche Untersuchung.

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Auf einen Blick

Das Wichtigste in aller Kürze

  • Die fotobasierte Morphometrie vermisst den Körperbau über anatomische Landmarken auf einem standardisierten Seitenfoto.
  • Der Schweizer Horse Shape Space mit 1.241 Pferden aus sieben Rassen ist die größte offene Referenz. Auf einem Foto sind die Messungen gut wiederholbar, zwischen zwei Fotos schwanken sie stärker.
  • Längen und Proportionen sind stabiler als Winkel. Die Aufstellung des Pferdes ist die wichtigste Fehlerquelle.
  • SomaTraxx arbeitet nach dem Human-in-the-Loop-Prinzip: Die Software misst und schlägt vor, ein Fachmann prüft und gibt frei.
  • KI unterstützt Tierärzte, Therapeuten und Pferdebesitzer. Sie ersetzt keine Untersuchung und stellt keine Diagnose.

FAQ

Häufige Fragen zur KI in der Gebäudeanalyse

Eine KI kann auf Fotos Körperpunkte erkennen oder aus gesetzten Punkten Winkel und Proportionen berechnen und einordnen. Die fachliche Bewertung, was das für das einzelne Pferd bedeutet, sollte immer ein Mensch mit Fachwissen vornehmen.

Auf demselben Foto sind Messungen gut wiederholbar. Zwischen verschiedenen Fotos schwanken vor allem Winkel, weil die Aufstellung des Pferdes das Ergebnis beeinflusst. Längen und Proportionen sind stabiler. Mehrere gute Fotos erhöhen die Aussagekraft.

Ein Modell von Agroscope und der Universität Zürich, das die Form eines Pferdes über 253 Punkte beschreibt. Der offene Datensatz umfasst 1.241 Pferde aus sieben europäischen Rassen.

Human-in-the-Loop beschreibt KI-Systeme, bei denen ein Mensch fester Teil des Ablaufs ist: Die Maschine misst, erkennt oder formuliert, der Mensch prüft, korrigiert und entscheidet. Es ist das Gegenteil einer vollautomatischen Bewertung.

Die Vermessung eines Körpers anhand von Fotos. Auf einem standardisierten Bild werden anatomische Landmarken markiert, aus deren Koordinaten Winkel, Längen und Proportionen berechnet werden.

Nein. SomaTraxx beschreibt den Körperbau auf Basis von Fotos und stellt keine Diagnosen. Die Analyse ist eine Grundlage für Training, Therapieplanung und das Gespräch mit Tierärztinnen, Tierärzten und Therapeuten.

Ein scharfes Seitenfoto, auf dem das Pferd auf ebenem Boden geschlossen steht, die Kamera auf Höhe der Körpermitte und rechtwinklig zum Pferd. Eine ausführliche Fotoanleitung hilft, typische Fehler zu vermeiden.

Literatur

Quellen

  • Anderson, T. M. et al. (2004): Relationship between conformation and musculoskeletal problems in the racing Thoroughbred. Equine Veterinary Journal 36, 571–575. doi:10.2746/0425164044864462
  • Broomé, S. et al. (2019): Dynamics are important for the recognition of equine pain in video. IEEE/CVF Conference on Computer Vision and Pattern Recognition (CVPR).
  • Druml, T. et al. (2015): The use of novel phenotyping methods for validation of equine conformation scoring results. Animal 9(6), 928–937. doi:10.1017/S1751731114003309
  • Feighelstein, M. et al. (2026): SHIC-XE: Viewpoint-Invariant Explainability via Dense 2D-3D Correspondences: an Application to Equine Pain Recognition. International Journal of Computer Vision. doi:10.1007/s11263-026-02910-3
  • Feuser, A.-K., Gesell-May, S., Müller, T. & May, A. (2022): Artificial Intelligence for Lameness Detection in Horses – A Preliminary Study. Animals 12, 2804. doi:10.3390/ani12202804
  • Freitag, G. P. et al. (2025): Einfluss morphometrischer Merkmale auf die Leistung von Quarter Horses im Barrel Racing. Journal of Equine Veterinary Science 153, 105676. doi:10.1016/j.jevs.2025.105676
  • Gmel, A. I. et al. (2018): Repeatability, reproducibility and consistency of horse shape data and its association with linearly described conformation traits in Franches-Montagnes stallions. PLOS ONE. doi:10.1371/journal.pone.0202931
  • Gmel, A. I. et al. (2024): Shape and joint angle data for seven European horse breeds and their repeatability. Data in Brief 56, 110799. doi:10.1016/j.dib.2024.110799 (Daten: doi:10.17632/ybvcdmtrpc.1, CC BY 4.0)
  • Lawin, F. J. et al. (2023): Is markerless more or less? Comparing a smartphone computer vision method for equine lameness assessment to multi-camera motion capture. Animals 13, 390. doi:10.3390/ani13030390
  • Lencioni, G. C. et al. (2021): Pain assessment in horses using automatic facial expression recognition through deep learning-based modeling. PLOS ONE 16, e0258672. doi:10.1371/journal.pone.0258672
  • Mathis, A. et al. (2021): Pretraining boosts out-of-domain robustness for pose estimation. IEEE Winter Conference on Applications of Computer Vision (WACV).
  • Ünal, Paksoy & Güngör (2025): Archives Animal Breeding 68, 253. https://aab.copernicus.org/articles/68/253/2025/
  • Weller, R., Pfau, T., Babbage, D., Brittin, E., May, S. & Wilson, A. (2006): Reliability of conformational measurements in the horse using a three-dimensional motion analysis system. Equine Veterinary Journal 38(7), 610–615. doi:10.2746/042516406X150367
  • Weller, R. et al. (2006): The effect of conformation on orthopaedic health and performance in a cohort of National Hunt racehorses: preliminary results. Equine Veterinary Journal. doi:10.2746/042516406X159034
  • Harnessing deep learning for automated horse morphometry estimation (2026). ScienceDirect, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S277237552600208X

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Chris Debski
Pferdephysiotherapeut · Dozent von Pferde gesund bewegen

Chris beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Anatomie, Biomechanik und Rehabilitation von Pferden. Mit SomaTraxx hat er die fotobasierte Gebäudeanalyse von Pferde gesund bewegen entwickelt.