Stensbeck… Lörke und die Sackgasse der deutschen Dressur

Gustav Stensbeck in der Piaffe
Gustav Stensbeck in der Piaffe

Es ist doch immer wieder schade zu lesen, dass die deutsche Reiterei vor dem zweiten Weltkrieg auch ganz andere Wege bestritten hat, als es die aktuelle Sportreiterei und auch der Umfang der Richtlinien Reiten und Fahren der FN, uns vermittelt. Schaut man sich die Vorbilder und Galionsfiguren der deutschen Reiterei, also zum Beispiel Otto Lörke oder die Gebrüder Stensbeck, auf Bildern an, dann hat das so gar nichts mit dem gemein, was man heutzutage sieht und als die hohe Kunst der Reiterei auf höchstem Nivau verkauft bekommt.

In einem sehr interessanter Blogartikel von Thomas Ritter wurde zur Arbeitsweise von Oskar Maria Stensbeck folgendes beschrieben:

Eine sehr weit verbreitete Methode, mit der wahrscheinlich jeder vertraut ist, besteht darin, das Pferd einige Minuten lang im Schritt am langen Zügel zu reiten. Dann nimmt man die Zügel auf und reitet einige Zirkel und gerade Linien im Leichttraben. Man läßt das Pferd dabei oft die Zügel aus der Hand kauen. Dies funktioniert sehr gut bei vielen Warmblütern.

loerke chronist-300x268Der Nachteil besteht darin, daß es manchmal sehr lange dauert, bis das Pferd sich losläßt und daß die Hüften nicht geschmeidig gemacht werden. Wenn ein Pferd ohnehin sehr steif ist, dann kann diese Methode des Aufwärmens im Trab die Sehnen und Gelenke über Gebühr belasten.
Oskar Stensbeck, einer der besten deutschen Dressurreiter zu Beginn des 20. Jahrhunderts und Ausbilder von mehreren Olympiapferden, war berühmt für eine völlig andere Methode des Abreitens.
Oberst Felix Bürkner traf ihn im berühmten Tattersall Beermann in Berlin während der 20er Jahre, als Stensbeck schon über 70 war. Bürkner gibt eine kurze Beschreibung in seiner Autobiographie: “Altmeister Stensbeck erschien immer erst gegen Mittag, die unvermeidliche Brasilzigarre im Munde, die ihm auch bei der Arbeit nie ausging. Seine geheimnisvolle Kunst, die wir alle bewunderten, bestand größtenteils im ‚In-die-Hand-stellen‘ des Pferdes im Schritt und im Versammeln auf der Stelle. Er hatte eine Engelsgeduld, wartete im Halten so lange, bis sein Pferd auf den vier Beinen absolut ausbalanciert still am Zügel stand. Dann regte er mit fast unsichtbaren Hilfen das Pferd auf der Stelle so stark an, daß es zu treten begann, der Schweiß ausbrach und – die ersten Piaffe-Tritte entstanden. Er blieb dabei mitten in der Bahn, niemals an der Bande auf dem Hufschlage, und ließ sein Pferd – allen Regeln zum Trotz – fast nie nach vorwärts Raum gewinnen.
Dadurch wurde oft ein leichtes ‚Balancée‘ begünstigt, was er mit seinem unerhört feinen Reitergefühl natürlich erfaßte, aber nicht immer verhindern konnte. Den Vorwärtstrab ritt er im Leichttraben, bei der Galopparbeit war er ein Künstler im Ausbilden der Pirouette.“ Stensbeck war damals über 70 und fand das Herumtraben und Galoppieren auf einem steifen, unausbalancierten Pferd zu unbequem. Daher fand er eine Alternative, die in mancher Hinsicht an die französische Reitweise erinnert:
erst Gleichgewicht und Losgelassenheit im Schritt und im Halten herstellen, bevor man im Trab und Galopp vorwärts reitet.
Diese Methode hat den großen Vorteil, daß sie die Pferdebeine nicht belastet. Allerdings erfordert dieser Weg ein gewisses reiterliches Gefühl, um zu verhindern, daß das Pferd hinter den Schenkel gerät.

Oskar Maria Stensbeck
Oskar Maria Stensbeck

Der Wendepunkt der deutschen Reiterei scheint in der Tat im zweiten Weltkrieg begründet. Der geschickt von den Richtern „erzeugte“ olympische Erfolg von Heinz Pollay auf Kronos gab den Militärs eine Freikarte die deutsche Reitlehre von nun an auf ihrer Heeresdienstvorschrift 12 zu fundamentalisieren … die heutige Sportreiterei unter Führung der FEI und FN lehnen sich immer noch an diese „Reitvorschrift“ an.

loerke 1909-300x268Dabei muss man sagen ist doch Kronos (es finden sich auch Bilder mit Lörke auf Kronos) so gar nicht das Produkt der Heeresdienstvorschrift. Wir sehen das Siegerpaar mit leicht durchhängenden Zügel in der Piaffe?… Dies würde heute wohl eher mit „verlust von Anlehnung“ einen Punkt-Abzug geben. Dazu wurde Kronos nicht von Heinz Pollay ausgebildet, sondern von dem „Zivilisten“ Otto Lörke, also ausserhalb eines militärischen Instituts. 1936 war dieses Pferd damit „vor“ der zweiten Überarbeitung der Heeresdienstvorschrift 12 (die Überarbeitung wurde 1937 veröffentlicht, bzw. „trat in Kraft“), bereits ausgebildet worden.

noch was zu Stensbeck (aus Wickipedia):

Oskar Maria Stensbeck wurde 1858 in Königsberg geboren, bekam mit sieben Jahren von seinem Vater, der in der Nähe von Tilsit ein Gestüt leitete und gleichzeitig die Stelle des Königsberger Universitätsreitlehrers im Range eines Professors bekleidete, ein Pony geschenkt. Bereits mit 15 Jahren bildete er Dressurpferde aus. Von 1886 bis Anfang der 1930er Jahre war er in verschiedenen Dressurställen, darunter im Berliner Luisen-Tattersall und ab 1922 im Berliner Tattersall Luisenstraße tätig, den lange Jahre sein Bruder Gustav Stensbeck leitete. Auf Veranlassung von Gustav Rau wurde Stensbeck 1926 als ziviler Stallmeister in den Schulstall der Kavallerie-Reitschule Hannover berufen. Gleichzeitig mit dem Umzug nach Hannover wurde die Stensbeck-Reithochschule zur Förderung der Reitausbildung auf ziviler Grundlage errichtet. Durch die Tätigkeit an seiner Reithochschule wurde Stensbeck zu einem der bedeutendsten Ausbilder von Berufsreitern, er machte sich ebenso einen sehr guten Namen als Ausbilder von Dressurpferden. Im Alter von 72 Jahren schrieb Stensbeck seine Erfahrungen mit Pferden in dem Buch „Reiten“ nieder. Noch mit 80 Jahren stellte er ein vom ihm selbst ausgebildetes Pferd vor. Oskar Maria Stensbeck starb im März 1939.

 

Oskar Maria Stensbeck in der hohen Schule
Oskar Maria Stensbeck in der hohen Schule

Im Zuge der Betrachtung der Bilder habe ich mich dazu entschlossen, die „Sackgasse der deutschen Reitgeschichte“ einmal genauer aufzuarbeiten.

Zunächst noch ein paar Infos zum Goldmedaillien Gewinner-Pferd Kronos:

Das Pferd wurde übrigens von Otto Lörke ausgebildet worden.

– zuerst gelesen habe ich die Hintergrundinformationen… na wo schon bei Jean Claude-Racinet 😉
(man muss also einen Franzosen lesen um etwas über gutes deutsches Reiten zu erfahren… 😉 )

Kronos war übrigens ein Trakehner:

Kronos wurde als Dreijähriger von Herr Rothe eingeritten. Er zeigte sich zunächst ängstlich, diese Ängstlichkeit legte er jedoch bald ab. Er wurde später von Frau Brauns gekauft und darauf von Otto Lörke übernommen. Kronos sollte lange in Besitz von Otto Lörke bleiben. Dieser exzellente Reiter bildete Kronos zur höchster Dressurklasse aus. Beide waren gern gesehene Gäste auf großen Turnieren, der Rappe zog alle bewundernde Blicke auf sich. Den Zenit von Kronos Karriere markierte sicherlich die Teilnahme an den Olympischen Spielen im Jahre 1936 in Berlin. Zusammen mit den für die deutsche Mannschaft startenden Trakehner Gimpel und Absinth gewann er unter Oberleutnant Heinz Pollay die Mannschafts-Goldmedaille in der Dressur. Dieses Ergebnis wurde dann durch den Goldmedaillensieg der Einzelwertung in der Großen Dressurprüfung nochmals übertrumpft.

Otto Lörke auf dem Goldmedaillen Gewinner Hengst Kronos
Otto Lörke auf dem Goldmedaillen Gewinner Hengst Kronos

in einem Download auf der Seite von Fritz Stahlecker kann man Otto Lörke persönlich auf Kronos sehen, ansonsten kennt man ja nur die Bilder von der Olympiade 1936 mit Heinz Pollay im Sattel…
Auf der letzten Seite des PDFs ist das Bild mit Lörke zu sehen. Man beachte die Haltung von Kronos in der Piaffe, selbst Gustav Steinbrecht würde verblassen vor Neid. Die Zügel sind alles andere als das ,was man heute unter Anlehnung versteht, bzw. lehrt, denn  die Kandarenzügel hängen durch und selbst die Trensenzügel sind nur in „Halbspannung“  und das Genick ist höchster Punkt.

Der Fakt, dass Kronos nicht vom Reiter, also von Heinz Pollay ausgebildet wurde, wird vom Bronze Medaillen-Gewinner, keinem geringeren als dem späteren Leiter der Hofreitschule Wien, Alois Podhaisky, eher abwertend betrachtet – seiner Meinung sollten gute Reiter ausschlieslich ihre eigens selbst ausgebildeten Pferde vorstellen dürfen. Wir sehen an dieser Tatsache aber auch das Kalkül der deutschen Organisatoren. Sie wollten bei den für die Nazis so wichtigen Olympischen Spielen, auf jeden Fall deutsche Reiter auf den vorderen Plätzen platziert sehen. Das beste Reiter-Pferd Paar dieser Zeit war allerdings eigentlich Podhaisky mit seinem Pferd Nero.

Heinz Pollay auf dem Trakehner Hengst Kronos
Gewinner der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1936 – Heinz Pollay auf Kronos. Auch das Militär strebte auf höchstem Niveau ein Sinken lassen der Hand an – die Zügel hängen durch

… übrigens schreibt Jean-Claude Racinet in seinem Buch „François Baucher – Enfant Terrible oder Genie?: Neu und umfassend erklärt“ eine kleine Anekdote zu Kronos. Einem Franzosen wurde nur wenige Tage nach dem Gewinn der Goldmedaille die Ehre zu Teil wurde auf Kronos reiten zu dürfen… nach kurzer Eingewöhnungsphase konnte dieser keinen nennenswerten Unterschied feststellen, in der Art wie dieses Pferd zu reiten war… obwohl es doch eine „deutsche“ Ausbildung genossen hatte 😉

Ich denke aber, dass genau das Ereignis der Olympiade 1936 der Wendepunkt für die deutsche Reitkultur darstellt. Für die Ausbilder stellte der Sieg der Olympiade, errungen von deutschen Pferden mit deutschen Militärs im Sattel, die Grundlage für das Hochjubeln der „deutschen“ Reitlehre dar. Liest man zum Beispiel das Buch zur Olympiade von Gustav Rau (sehr propagandistisch geschrieben, Gustav Rau stand zudem dem Regime nicht gerade ablehnend gegenüber) so kann man sich gut nachvollziehen, warum die deutschen heute so reiten, wie sie reiten…

Auszug aus wikipedia zur Person Gustav Rau:

„1933 wurde er zum Oberlandstallmeister der Preußischen Gestütsverwaltung berufen, musste aber bereits ein Jahr später wieder zurücktreten. Allerdings wurde ihm stattdessen die Organisation der Olympischen Reiterspiele 1936 in Berlin übertragen. Im Zuge der sog. Machtübernahme zeigte sich Rau äußerst anpassungsfähig an die neuen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und befürwortete die Einführung des sog. Führerprinzips in Pferdesport und -zucht. Von 1939 bis 1945 war Rau Oberstintendant und Beauftragter für Pferdezucht und Gestütswesen im von der Wehrmacht besetzten Generalgouvernement Polen. Nach Susanne Hennig wurde Gustav Rau unmittelbar nach Kriegsbeginn vom Oberkommando des Heeres aufgefordert, die stark geschädigte polnische Pferdezucht wieder aufzubauen. Rau habe das das polnische Gestütswesen reorganisiert und es geschafft die polnische Pferdezucht mit ihren 14 Landgestüten in weniger als fünf Jahren „zu neuer Blüte zu führen.“ Die Frankfurter Rundschau merkt hierzu an, dass es unmittelbarer Nähe des Vernichtungslagers Auschwitz ein SS-Gestüt gegeben hat, in welchem Rau eine Holsteinerzucht forciert habe.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nahm Rau die Tradition der ältesten Reitsportveranstaltung Deutschlands, das seit 1924 unter den 20 besten deutschen Reitvereinen ausgetragen wurde, wieder auf. Rau initiierte einen Bundeswettkampf der ländlichen Reiter, der im Rahmen des DLG-Turnieres in Frankfurt am Main ausgetragen wurde, ganz in der Tradition seiner Vorstellung, dass die Bauern die Basis für den Pferdesport darstellen. Von 1946 bis 1950 leitete er das in Dillenburg gelegene Hessische Landgestüt. Rau sorgte dafür, das im Jahr 1950 das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei in Warendorf angesiedelt wurde. Er war es auch, der den im Nationalsozialismus erfolgreichsten Reitern, die teilweise tief in die Verbrechen von Wehrmacht und SS und der Durchführung des Holocausts im Zweiten Weltkrieg involviert waren, zu einem bruchlosen Übergang in den Pferdesport der Nachkriegszeit verhalf.“

Während somit das Goldmedallienpferd Kronos offensichtlich NICHT von einem Militärausbilder ausgebildet worden ist, lediglich von einem vorgestellt wurde, so spannte man ihn aber vor einen „Karren“ der da deutsche Reitausbildung heisst.

Einige Jahre zuvor wurde unter anderem von Oberst Haugk die Heeresdienstvorschrift erarbeitet. Die Autoren nahmen Gustav Steinbrecht zum „Paten“ für die HDV 12. Übrigens wurde kurz vor der Olympiade 1936, ebenfalls von Militärs, wurde Gustav Steinbrechts das Gymnasium des Pferde neu aufgelegt und man hatte mal eben alle „Reitkunst-Teile“ aus dem Buch für unwichtig erklärt.

… als wenn das nicht schon schlimm genug wäre… so ging man in den Volgejahren in schöner Regelmässigkeit her und „verschlimmbesserte“ diese Substanz eines Ansatzes von Reitkultur und schrieb daraus immer wieder neue Auflagen der „Richtlinien Reiten und Fahren“.

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Otto Lörke auf Fanal in der LEvade
Otto Lörke bildete seine Pferde wesentlich weiter aus – hier auf seinem Pferd Fanal in der Levade

Wenn man so will ist die deutsche Reiterei heute weiter von seinen Vorbildern wie Steinbrecht , Bürkner, Lörke, Schultheis etc. weg als je zuvor.

Es ist doch auch interessant, dass man zum Beispiel den spanischen Schritt als Zirkuslektion bezeichnet, die Einerwechsel aber zum Standard im GrandPrix gehören. Dazu muss man wissen, das diese Fraincois Baucher erfunden hatte… in der Zeit der seiner sogenannten „ersten Manier“, in der er ein erfolgreicher Zirkusreiter war.

In der Anklageschrift von Seeger „Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter“ erntet Baucher für die Einerwechsel einen Hauch von Anerkennung von Seeger – der zugeben muss, dass diese „interessant“ sind – für die deutsche Art und Weise zu Reiten – im klassischen Sinne – aber eigentlich „unerreichbar“.

und heute? – ist es umgekehrt…

Während Fraincois Baucher sich weiterentwickelte – weg von der Art, die Seeger kritisiert hatte (Er überarbeitete seine Reitlehre mehrfach und gab 14 Ausgaben heraus)… so hat sich die deutsche Reiterei dahin entwickelt, wovor Seeger sie schützen wollte… verkehrte Welt – oder?


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