Was Evidenz in der Wissenschaft bedeutet – und warum „wissenschaftlich basiert“ im Pferdebereich oft der ehrlichere Begriff ist.
In letzter Zeit wird immer häufiger der Begriff “Evidenz” und “Evidenz basiert” im Pferdbereich genutzt.
Auf der einen Seite gibt es nicht wenige die den Begriff als Killerargument gegen Therapiemethoden, Zusatzfuttermittel, Therapiegeräte etc. einsetzen – was nicht “Evidenz basiert” ist – wirkt nicht. oder?
Auf der anderen Seite werden von ebenfalls nicht wenigen Leuten (Reiter, Ausbilder etc.) wissenschaftliche Veröffentlichung aus dem Netz gesucht – und ist sind eigene Lehrmeinung und Herleitung über die Art Pferde zu reiten und auszubilden “Evidenz basiert” – wenn es Studien gibt – ist es Evidenz – richtig oder?
Nein – so einfach ist es an beiden Fronten nicht mit der “Evidenz”.
Was bedeutet „Evidenz“ überhaupt?
Der Begriff Evidenz wird im Pferdebereich zunehmend verwendet, jedoch selten präzise definiert. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Evidenz häufig mit „Beweis“ oder „etwas, das offensichtlich richtig ist“ gleichgesetzt. Diese Interpretation greift im wissenschaftlichen Kontext jedoch zu kurz.
Wissenschaftlich betrachtet bedeutet Evidenz zunächst nichts anderes als ein belegbarer Nachweis, der auf systematisch erhobenen Daten beruht. Gemeint ist damit nicht eine einzelne Beobachtung oder persönliche Erfahrung, sondern eine methodisch nachvollziehbare Erkenntnis, die zur Beantwortung einer klar formulierten Fragestellung gewonnen wurde. Evidenz entsteht also nicht zufällig, sondern durch strukturierte Untersuchungen unter definierten Bedingungen.
„In der Wissenschaft gibt es keine endgültigen Wahrheiten, nur vorläufige Erkenntnisse.“
Karl Popper
Dabei ist entscheidend, dass Evidenz keine absolute Wahrheit darstellt. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind grundsätzlich “vorläufig”. Sie gelten so lange, bis neue Daten, verbesserte Methoden oder ein veränderter Erkenntnisstand zu einer Neubewertung führen. Evidenz ist daher immer kontextabhängig: Sie bezieht sich auf eine konkrete Fragestellung, ein bestimmtes Untersuchungsdesign und eine klar definierte Population.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist, dass Evidenz hierarchisch abgestuft wird. Nicht jede wissenschaftliche Aussage besitzt das gleiche Gewicht. Je nach Studiendesign, Stichprobengröße, Kontrollmechanismen und Reproduzierbarkeit unterscheidet sich die Aussagekraft erheblich. Eine Einzelfallbeschreibung liefert eine andere Form von Evidenz als eine kontrollierte Vergleichsstudie, und diese wiederum unterscheidet sich deutlich von einer systematischen Auswertung mehrerer Studien.
Evidenz beschreibt somit nicht, ob etwas richtig oder falsch ist, sondern wie belastbar eine Aussage unter bestimmten Voraussetzungen ist. Gerade in komplexen Systemen wie dem Pferd, seinem Training und seiner Nutzung ist diese Differenzierung von zentraler Bedeutung.
Wann darf man von wissenschaftlicher Evidenz sprechen?
In der Wissenschaft wird nicht jede Untersuchung automatisch als gleichwertige Evidenz betrachtet. Stattdessen werden wissenschaftliche Erkenntnisse nach sogenannten Evidenzstufen eingeordnet, häufig als Evidence Hierarchy bezeichnet. Diese Hierarchie beschreibt, wie belastbar eine Aussage ist – abhängig davon, wie sie gewonnen wurde.
Als besonders aussagekräftig gelten Untersuchungen, die mehrere Einzelstudien systematisch zusammenfassen und auswerten. Dazu zählen systematische Reviews und Metaanalysen. Sie haben den Vorteil, dass sie nicht auf einer einzelnen Stichprobe beruhen, sondern versuchen, ein Gesamtbild der verfügbaren Forschungslage zu zeichnen. Ebenfalls zu den höherwertigen Evidenzformen zählen randomisierte kontrollierte Studien, bei denen Versuchsanordnung, Vergleichsgruppen und Störfaktoren möglichst streng kontrolliert werden. Solche Studien gelten in vielen Bereichen der Medizin als Goldstandard, weil sie Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge vergleichsweise gut abbilden können.
Eine mittlere Evidenzstufe bilden Studien, die zwar kontrolliert durchgeführt werden, jedoch ohne vollständige Randomisierung auskommen, sowie Kohortenstudien. Diese liefern wertvolle Hinweise auf Zusammenhänge und Entwicklungen über einen bestimmten Zeitraum, sind jedoch anfälliger für Verzerrungen durch äußere Einflussfaktoren oder Vorauswahl der untersuchten Gruppen.
Am unteren Ende der Evidenzhierarchie finden sich Fallstudien, Expertenmeinungen und reine Beobachtungsstudien ohne Kontrollgruppe. Auch diese Formen haben ihren Platz in der Wissenschaft, insbesondere in Bereichen, in denen kontrollierte Studien schwer umsetzbar sind. Ihre Aussagekraft ist jedoch begrenzt, da sie keine verlässlichen Rückschlüsse auf allgemeingültige Zusammenhänge zulassen.
Ein zentraler Punkt wird dabei häufig übersehen: Eine einzelne Studie – selbst wenn sie methodisch sauber durchgeführt wurde – stellt noch keine Evidenz dar. Sie ist vielmehr ein einzelner Baustein innerhalb einer größeren Datenlage. Erst wenn sich Ergebnisse über mehrere Untersuchungen hinweg bestätigen, unter vergleichbaren Bedingungen reproduzierbar sind und in einen konsistenten theoretischen Rahmen passen, kann von belastbarer wissenschaftlicher Evidenz gesprochen werden.
Gerade in komplexen Anwendungsfeldern wie dem Pferdetraining ist diese Einordnung entscheidend, um Forschungsergebnisse sachlich zu bewerten und ihre Aussagekraft realistisch einzuschätzen.
nochmals in der Übersicht
Hohe Evidenz
- Systematische Reviews
- Metaanalysen
- Randomisierte kontrollierte Studien (RCTs)
Mittlere Evidenz
- Kontrollierte Studien ohne Randomisierung
- Kohortenstudien
Niedrige Evidenz
- Fallstudien
- Expertenmeinungen
- Beobachtungsstudien ohne Kontrollgruppe
Die Problematik im Pferdebereich
Die Anwendung klassischer evidenzbasierter Konzepte stößt im Pferdebereich sehr schnell an ihre Grenzen. Das liegt weniger an mangelndem wissenschaftlichem Anspruch, sondern vor allem an den Rahmenbedingungen, unter denen Forschung mit Pferden überhaupt möglich ist.
Ein zentrales Problem stellt die häufig sehr geringe Stichprobengröße dar. Studien mit sechs, acht oder zehn Pferden sind keine Ausnahme, sondern eher die Regel.
Solch kleine Gruppen sind aus statistischer Sicht nur eingeschränkt aussagekräftig, da individuelle Besonderheiten einzelner Tiere einen überproportionalen Einfluss auf das Ergebnis haben können. Aussagen lassen sich dadurch nur schwer verallgemeinern.
Hinzu kommt, dass in vielen Untersuchungen geeignete Kontrollgruppen fehlen oder nur unzureichend umgesetzt werden. Gerade im Trainings- und Bewegungsbereich ist es schwierig, vergleichbare Bedingungen für unterschiedliche Gruppen herzustellen, ohne dabei wesentliche Einflussfaktoren zu verändern. Ohne klare Vergleichsgruppen wird es jedoch problematisch, Effekte eindeutig einer bestimmten Maßnahme zuzuschreiben.
Ein weiteres methodisches Defizit liegt in der fehlenden Verblindung. Weder Trainer noch Auswerter sind in der Regel „blind“ gegenüber der Intervention, die sie durchführen oder beurteilen. Erwartungen, Überzeugungen und Vorerfahrungen fließen damit unweigerlich in die Bewertung ein. Gerade bei komplexen Bewegungsabläufen oder funktionellen Einschätzungen lässt sich dieser Einfluss kaum vollständig ausschließen.
Besonders im Pferdebereich kommt zudem eine hohe interindividuelle Variabilität hinzu. Unterschiede in Rasse, Exterieur, Nutzungsform, Trainingsstand, Vorerkrankungen und Haltungsbedingungen erschweren es erheblich, standardisierte Aussagen zu treffen. Zwei Pferde mit identischer Trainingsmaßnahme können völlig unterschiedlich reagieren, ohne dass dies zwangsläufig auf die Qualität der Methode zurückzuführen ist.
Viele Studien erfassen darüber hinaus lediglich kurzfristige Effekte. Aussagen zu nachhaltigen Anpassungen, langfristiger Gesunderhaltung oder möglichen Spätfolgen bleiben häufig offen. Gerade im Training, das auf Entwicklung, Anpassung und langfristige Belastbarkeit abzielt, ist dieser Aspekt jedoch von zentraler Bedeutung.
Nicht zuletzt werden in zahlreichen Untersuchungen Endpunkte verwendet, die nur begrenzt objektivierbar sind. Begriffe wie Rittigkeit, Losgelassenheit oder „verbesserte Bewegung“ lassen sich nur schwer standardisieren und sind stark von subjektiver Wahrnehmung abhängig. Auch wenn solche Parameter praxisrelevant sind, mindern sie die wissenschaftliche Belastbarkeit der Ergebnisse.
Vor diesem Hintergrund erfüllen viele Studien im Pferdebereich nicht die Voraussetzungen, um im strengen wissenschaftlichen Sinne als hoch evidenzbasiert zu gelten. Das schmälert nicht ihren Wert, erfordert jedoch eine klare Einordnung: Sie liefern wichtige Hinweise und Denkanstöße, aber keine abschließenden Beweise.
Kann Training überhaupt evidenzbasiert sein?
An dieser Stelle liegt der eigentliche Kern der aktuellen Debatte. Die Frage, ob Pferdetraining im engeren Sinne evidenzbasiert sein kann, lässt sich nur beantworten, wenn man sich klar macht, was evidenzbasiertes Arbeiten ursprünglich bedeutet und unter welchen Voraussetzungen es entstanden ist.
Streng wissenschaftlich betrachtet lässt sich diese Frage zunächst verneinen – zumindest, wenn man den Begriff der Evidenz so verwendet, wie er aus der Humanmedizin oder der klinischen Forschung bekannt ist. Dort beziehen sich evidenzbasierte Konzepte auf klar definierte Interventionen, die unter kontrollierten Bedingungen überprüft werden können. Training beim Pferd entzieht sich dieser Systematik jedoch in weiten Teilen.
Training ist kein isolierter Reiz, sondern ein komplexes, dynamisches Geschehen, in dem zahlreiche Faktoren gleichzeitig wirken. Körperliche Voraussetzungen, psychische Verfassung, Vorerfahrungen, Tagesform, Haltungsbedingungen und das Zusammenspiel zwischen Pferd und Mensch beeinflussen den Trainingsprozess fortlaufend. Diese Wechselwirkungen lassen sich weder vollständig kontrollieren noch standardisieren.
Hinzu kommt, dass Trainingsmaßnahmen kaum in eindeutig abgrenzbare Interventionen zerlegt werden können. Bereits kleine Veränderungen in Sitz, Hilfengebung, Dauer, Intensität oder Pausengestaltung führen zu unterschiedlichen Anpassungsreaktionen. Was in einer Studie als „gleiche Trainingsmaßnahme“ definiert wird, kann sich in der praktischen Umsetzung erheblich unterscheiden.
Ethische und tierschutzrechtliche Aspekte setzen der wissenschaftlichen Untersuchung zusätzlich enge Grenzen. Viele Studiendesigns, die in der Humanmedizin üblich sind, lassen sich im Pferdebereich nicht verantwortungsvoll umsetzen. Langfristige Belastung, bewusste Fehlbelastung oder das gezielte Vorenthalten sinnvoller Trainingsanpassungen sind aus guten Gründen nicht vertretbar.
Ein weiteres zentrales Problem stellt die fehlende Möglichkeit von Placebo- oder Doppelblindstudien dar. Weder das Pferd noch der Trainer können „verblindet“ gegenüber einer Trainingsmaßnahme agieren. Erwartungen, Überzeugungen und bewusste oder unbewusste Anpassungen im Umgang beeinflussen zwangsläufig das Ergebnis. Dieser Effekt lässt sich im Training nicht ausschalten, sondern lediglich reflektieren und kritisch einordnen.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Pferdetraining im klassischen wissenschaftlichen Sinn kaum evidenzbasiert im strengen Sinne sein kann. Das bedeutet jedoch nicht, dass Training unwissenschaftlich wäre – sondern dass andere Begriffe und Denkmodelle erforderlich sind, um Training sachlich, verantwortungsvoll und fachlich fundiert zu beschreiben.
„Evidenzbasiert“ vs. „wissenschaftlich basiert“
Die Unterscheidung zwischen „evidenzbasiert“ und „wissenschaftlich basiert“ ist im Pferdebereich von zentraler Bedeutung, wird in der aktuellen Diskussion jedoch häufig unscharf oder synonym verwendet. Dabei beschreiben die beiden Begriffe unterschiedliche Ebenen wissenschaftlicher Fundierung.
Wird von evidenzbasiertem Arbeiten im strengen Sinne gesprochen, bezieht sich dies auf eine hochwertige, reproduzierbare Studienlage, wie sie aus der klinischen Forschung bekannt ist. Evidenzbasierte Aussagen setzen voraus, dass Interventionen unter kontrollierten Bedingungen untersucht wurden, dass Ergebnisse reproduzierbar sind und dass sie auf einer konsistenten Datenlage beruhen. In diesem Verständnis basiert evidenzbasiertes Arbeiten auf klinischer Evidenz, die eine klare Bewertung von Wirksamkeit erlaubt.
Diese Voraussetzungen sind im Pferdetraining jedoch kaum realistisch zu erfüllen. Die Komplexität des Trainingsgeschehens, die begrenzte Umsetzbarkeit kontrollierter Studiendesigns sowie ethische und praktische Einschränkungen führen dazu, dass eine belastbare klinische Evidenz im engeren Sinne nur in sehr begrenztem Umfang zur Verfügung steht.
Der Begriff „wissenschaftlich basiert“ beschreibt hingegen einen anderen, im Trainingskontext deutlich realistischeren Ansatz. Wissenschaftlich basiertes Arbeiten orientiert sich an gesicherten Grundlagen aus Anatomie, Biomechanik, Physiologie und Neurophysiologie. Diese Disziplinen liefern ein fundiertes Verständnis dafür, wie Bewegung entsteht, wie Gewebe auf Belastung reagiert und welche Anpassungsmechanismen im Organismus ablaufen.
Dabei wird nicht ausschließlich auf Studien mit Pferden zurückgegriffen, sondern auch auf Erkenntnisse aus der Humanwissenschaft, sofern diese physiologisch und funktionell übertragbar sind. Diese Grundlagen werden im nächsten Schritt mit systematischer Beobachtung, praktischer Erfahrung und kritischer Reflexion verknüpft. Erfahrungen werden dabei nicht unreflektiert übernommen, sondern kontinuierlich überprüft, angepasst und in einen wissenschaftlichen Zusammenhang eingeordnet.
Genau an dieser Stelle liegt der fachlich ehrlichere Begriff. Wissenschaftlich basiertes Pferdetraining erhebt nicht den Anspruch auf absolute Beweisbarkeit, sondern auf Nachvollziehbarkeit, Plausibilität und Verantwortung gegenüber dem Pferd. Es verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Realität, ohne die Grenzen beider Bereiche aus den Augen zu verlieren.
Warum der Begriff „evidenzbasiert“ problematisch wird
Die zunehmende Verwendung des Begriffs „evidenzbasiertes Training“ im Pferdebereich ist nicht per se problematisch. Kritisch wird sie dort, wo der Begriff eine Aussagekraft suggeriert, die er unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht leisten kann.
Wird von evidenzbasiertem Training gesprochen, entsteht bei vielen Lesern und Anwendern unweigerlich der Eindruck, es handele sich um wissenschaftlich bewiesene Vorgehensweisen. Damit verbunden ist häufig die Annahme, dass andere Trainingsansätze weniger fundiert oder gar unwissenschaftlich seien. Nicht selten mündet diese Sichtweise in der impliziten Aussage, dass Abweichungen von einem vermeintlich evidenzbasierten Vorgehen fachlich falsch oder nicht mehr zeitgemäß seien.
Aus wissenschaftlicher Perspektive ist eine solche Absolutheit jedoch nicht haltbar. Sie widerspricht dem grundlegenden Verständnis von Wissenschaft als einem offenen, dynamischen Prozess. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind immer an ihren Entstehungskontext gebunden und verlieren ihre Gültigkeit, sobald neue Daten, bessere Methoden oder ein erweitertes Verständnis verfügbar werden.
Problematisch wird der Begriff zudem dort, wo er dogmatisch verwendet wird. Wenn wissenschaftliche Begriffe als Autoritätsargumente eingesetzt werden, anstatt zur kritischen Auseinandersetzung einzuladen, verliert Wissenschaft ihren eigentlichen Zweck. Sie wird dann nicht mehr als Werkzeug zur Erkenntnis genutzt, sondern als Mittel zur Abgrenzung oder zur Legitimation vorgefertigter Meinungen.
Wissenschaft lebt nicht von endgültigen Antworten, sondern von Zweifel, Überprüfbarkeit und Weiterentwicklung. Erkenntnisse müssen hinterfragt, überprüft und immer wieder neu eingeordnet werden. Gerade im Pferdebereich, in dem biologische Systeme, individuelle Unterschiede und komplexe Wechselwirkungen eine zentrale Rolle spielen, ist Kontextabhängigkeit unverzichtbar. Absolutheit hingegen ist kein wissenschaftliches Prinzip.
Ein sinnvoller, ehrlicher Ansatz
Wenn evidenzbasiertes Arbeiten im strengen wissenschaftlichen Sinne im Pferdetraining nur eingeschränkt möglich ist, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie ein fachlich verantwortungsvoller Umgang mit Wissenschaft dennoch aussehen kann. Die Antwort liegt nicht in der Abkehr von wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern in einer realistischen und reflektierten Nutzung dessen, was Wissenschaft leisten kann.
Ein sinnvoller Ansatz im Pferdetraining beginnt bei soliden wissenschaftlichen Grundlagen. Kenntnisse aus Anatomie, Biomechanik, Physiologie und Neurophysiologie schaffen ein Verständnis dafür, wie Bewegung entsteht, wie Belastung wirkt und welche Anpassungsmechanismen im Organismus ablaufen. Diese Grundlagen liefern keinen Trainingsplan, aber sie setzen einen Rahmen, innerhalb dessen Training plausibel, nachvollziehbar und pferdegerecht gestaltet werden kann.
Ergänzt werden diese Grundlagen durch systematische Beobachtung und praktische Erfahrung. Erfahrung allein ist kein Beweis, sie ist jedoch ein unverzichtbarer Bestandteil jeder angewandten Arbeit. Entscheidend ist, wie mit ihr umgegangen wird. Erfahrungen gewinnen an Wert, wenn sie reflektiert, hinterfragt und in einen fachlichen Zusammenhang eingeordnet werden. Muster, die sich über viele Pferde hinweg zeigen, liefern Hinweise, auch wenn sie nicht den Anspruch klinischer Evidenz erfüllen.
Ein weiterer zentraler Baustein ist die Bereitschaft zur kontinuierlichen Anpassung. Training ist kein statisches Konzept, sondern ein Prozess. Was für ein Pferd in einer bestimmten Phase sinnvoll ist, kann sich mit zunehmendem Trainingsstand, veränderten Belastungen oder neuen Erkenntnissen ändern. Wissenschaftlich fundiertes Arbeiten bedeutet daher auch, eigene Überzeugungen regelmäßig zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.
Ein ehrlicher Ansatz im Pferdetraining verzichtet auf absolute Aussagen. Er anerkennt die Grenzen wissenschaftlicher Studien ebenso wie die Grenzen individueller Erfahrung. Stattdessen verbindet er Wissen, Beobachtung und Verantwortung gegenüber dem Pferd. Nicht im Sinne eines starren Regelwerks, sondern als dynamisches, lernendes System.
Gutes Pferdetraining ist damit weder rein evidenzbasiert noch rein erfahrungsgetrieben. Es ist wissenschaftlich informiert, kritisch reflektiert und stets am individuellen Pferd orientiert. Genau in dieser Balance liegt seine Qualität.
Fazit
Die Diskussion um evidenzbasiertes Pferdetraining zeigt, wie wichtig eine saubere Begriffsverwendung und eine realistische Einordnung wissenschaftlicher Erkenntnisse sind. Evidenz im strengen wissenschaftlichen Sinn setzt Rahmenbedingungen voraus, die im Trainingsalltag mit Pferden nur sehr eingeschränkt umsetzbar sind. Kleine Stichproben, individuelle Unterschiede und ethische Grenzen lassen viele Studien eher als Hinweisgeber denn als Beweisgrundlage erscheinen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Pferdetraining ohne wissenschaftliche Grundlage auskommen muss oder sollte. Im Gegenteil: Ein verantwortungsvoller Trainingsansatz stützt sich auf gesicherte Erkenntnisse aus Anatomie, Biomechanik, Physiologie und Neurophysiologie und verbindet diese mit systematischer Beobachtung, praktischer Erfahrung und kritischer Reflexion. Wissenschaft dient dabei nicht als Autorität, sondern als Orientierungsrahmen.
Problematisch wird es dort, wo der Begriff „evidenzbasiert“ als Gütesiegel verwendet wird, das andere Ansätze pauschal abwertet oder eine wissenschaftliche Gewissheit suggeriert, die so nicht existiert. Wissenschaft ist kein starres Regelwerk, sondern ein fortlaufender Prozess, der vom Hinterfragen, vom Lernen und von der Weiterentwicklung lebt.
Pferdetraining bewegt sich stets im Spannungsfeld zwischen Wissen und Praxis. Wer dieses Spannungsfeld anerkennt, offen bleibt für neue Erkenntnisse und gleichzeitig die Individualität jedes Pferdes respektiert, arbeitet nicht weniger wissenschaftlich – sondern verantwortungsvoll. Genau darin liegt die Grundlage für nachhaltiges, pferdegerechtes Training.
