Das LSG beim Pferd – biomechanisches Zentrum zwischen Hinterhand und Rücken

Kaum eine Region des Pferdekörpers besitzt eine vergleichbare Bedeutung für Bewegungsqualität, Tragkraft und langfristige Gesunderhaltung wie das LSG bzw. der lumbosakrale Übergang (auch LSÜ genannt). Gleichzeitig gehört genau dieser Bereich zu den am häufigsten missverstandenen Strukturen innerhalb der modernen Pferdeausbildung. Begriffe wie „Hinterhand aktivieren“, „mehr Lastaufnahme“, “Becken abkippen” oder „mehr Versammlung“ werden regelmäßig und teils inflationär verwendet, ohne die biomechanischen Voraussetzungen dieser Prozesse und die Ursachen-Folge-Kette faslcher Trainingsmethoden tatsächlich zu berücksichtigen.

Aus therapeutischer Sicht zeigt sich dabei immer wieder ein zentrales Problem: Viele Pferde entwickeln teils extreme Symptome im Bereich der Lendenwirbelsäule, der Hinterhand oder des Rückens – die Ursache liegt häufig in einer gestörten Funktion des lumbosakralen Übergangs und ist Folge der Haltung und Trainingsmethoden die wir teilweise genau so beigebracht bekommen.

Was ist das LSG beziehungsweise die LSÜ?

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird häufig vom „LSG“ gesprochen. Gemeint ist damit meist der Bereich des sogenannten Lumbosakralgelenks. Anatomisch präziser ist jedoch die Bezeichnung „lumbosakraler Übergang“ oder kurz LSÜ.

Dabei handelt es sich um die Verbindung zwischen:

  • dem letzten Lendenwirbel (L6)
  • dem Kreuzbein (Os sacrum)
  • und damit letztlich der gesamten Verbindung zwischen Wirbelsäule, Becken und Hinterhand.

Diese Region besitzt eine enorme funktionelle Bedeutung, da hier die Kraftübertragung aus der Hinterhand in die Wirbelsäule erfolgt. Das LSÜ stellt damit gewissermaßen die biomechanische Schnittstelle zwischen Schubkraft, Tragkraft und Aufrichtung dar.

Während die Hintergliedmaßen Kraft erzeugen, entscheidet die Funktion des lumbosakralen Übergangs darüber, ob diese Kraft:

  • absorbiert,
  • kompensiert,
  • blockiert
    oder
  • funktionell durch den Körper weitergeleitet werden kann.

Anatomische Besonderheit des LSÜ

Der lumbosakrale Übergang ist keine „starre Verbindung“, sondern ein hochdynamischer Funktionsbereich.

Hier entstehen unter anderem:

  • Beuge- und Streckbewegungen,
  • Rotationsbewegungen,
  • Kraftübertragungen zwischen Hinterhand und Wirbelsäule,
  • Spannungsregulationen über Faszien und Muskulatur.

Bereits geringe funktionelle Einschränkungen können erhebliche Auswirkungen auf das gesamte Bewegungsmuster des Pferdes haben.

Die zentrale Rolle für Tragkraft und Versammlung

In der klassischen Reitlehre wird Versammlung häufig mit einer stärkeren Lastaufnahme der Hinterhand beschrieben. Biomechanisch betrachtet ist dies jedoch nur möglich, wenn der lumbosakrale Übergang funktionell arbeiten kann.

Für eine gesunde Lastaufnahme benötigt das Pferd:

  • eine freie Beckenbewegung,
  • funktionelle Flexion im Bereich des LSÜ,
  • eine koordinierte Aktivität der Bauchmuskulatur,
  • einen tragfähigen Schultergürtel,
  • sowie eine dynamische Rückenfunktion.

Erst wenn diese Komponenten zusammenarbeiten, kann sich der Rücken funktionell korrekt bewegen und die Energiekräfte aus der Hinterhand effizient in Aufrichtung umgewandelt werden.

Genau hier liegt jedoch bei vielen Pferden ein grundlegendes Problem.

Denn zahlreiche Ausbildungskonzepte erzeugen äußerlich zwar eine scheinbare „Versammlung“, biomechanisch entsteht jedoch häufig das Gegenteil:

  • das Pferd wird im Rücken fest,
  • die Lendenregion verliert Beweglichkeit,
  • das Becken arbeitet nicht mehr funktionell,
  • und die Hintergliedmaßen verbleiben trotz optischer Aktivität biomechanisch hinter dem Schwerpunkt.

Aus therapeutischer Sicht zeigt sich dann häufig ein Pferd, das zwar „arbeitet“, jedoch keine echte Tragkraft entwickelt.

Kompensationsmechanismen im Bereich des LSÜ

Pferde besitzen eine außergewöhnliche Fähigkeit zur Kompensation. Einschränkungen im Bereich des lumbosakralen Übergangs bleiben daher oftmals lange unerkannt.

Der Organismus versucht zunächst, mangelnde Beweglichkeit oder Instabilität durch andere Strukturen auszugleichen. Besonders häufig betroffen sind:

  • die Lendenmuskulatur,
  • die thorakolumbale Faszie,
  • der Schultergürtel,
  • die Kruppenmuskulatur,
  • sowie die tiefen Muskelketten entlang der Wirbelsäule.

Im klinischen beziehungsweise therapeutischen Alltag zeigen sich dabei wiederkehrende Muster:

  • Schwierigkeiten beim Angaloppieren,
  • Taktunreinheiten der Hinterhand,
  • Probleme im Galopp,
  • reduzierte Rückentätigkeit,
  • asymmetrische Belastung,
  • Schweifschlagen,
  • Anlehnungsprobleme,
  • verminderte Schubentwicklung,
  • oder diffuse Schmerzreaktionen im Bereich der Lendenregion.

Auffällig ist dabei, dass viele dieser Symptome primär als Trainings- oder Verhaltensproblem interpretiert werden, obwohl häufig eine funktionelle Überlastung oder Dysfunktion des lumbosakralen Übergangs zugrunde liegt.

Bei diesem Pferd lässt sich die Abwärtstendenz der aus der Hinterhand übertragenen Energie erahnen.

Ein zu hohes Tempo wie ein zu niedriges “energieloses” Tempo wird dem Pferd Probleme bereiten. Das Konzept des Trainings muss die Vorhand entlasten und über “nutzbare” Energie der Hinterhand aufrichten. Die Nutzung der Hanken muss bereits im Schritt (z.B. über korrekte Seitengänge) mehr mit einbezogen werden.

Bei dem nächsten Pferd ist die LSG Problematik noch deutlicher und damit auch wesentlich anspruchsvoller in der “Lösung” bzw. die Anforderung an das Training.

Bei diesem Pferd unten sieht es gänzlich anders aus – der Winkel zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein ist sehr gering – der Verlauf der Rückenoberlinie nach hinten zur Kruppe sehr flach.

Warum das LSÜ therapeutisch so relevant ist

Der lumbosakrale Übergang steht in enger Verbindung mit:

  • der Bauchmuskulatur,
  • dem Zwerchfell,
  • den Faszienketten,
  • der Hüftmuskulatur,
  • der Rückenstabilisierenden Muskulatur
  • und dem Schultergürtel.

Probleme im LSÜ wirken sich deshalb selten isoliert aus. Häufig entstehen komplexe Kompensationsketten über den gesamten Körper.

Video: Das LSG Problem – warum die falsche Versammlung nicht hilft

Einige der Übungspferde in der Analyse:

Die Bedeutung aus therapeutischer Sicht

In der modernen Pferdetherapie gewinnt die funktionelle Betrachtung des lumbosakralen Übergangs zunehmend an Bedeutung. Während früher häufig lokal symptomatisch behandelt wurde, zeigt sich heute immer deutlicher, dass viele Probleme der Vorhand, des Rückens oder der Hintergliedmaßen eng mit der Funktion des LSÜ verknüpft sind.

Dabei geht es nicht ausschließlich um strukturelle Veränderungen oder radiologische Befunde, wie Arthrose, Kissing Spines oder “Blockaden”. Entscheidend ist vielmehr die funktionelle Belastbarkeit der gesamten Region.

Ein Pferd kann radiologisch unauffällig erscheinen und dennoch massive funktionelle Probleme im Bereich des lumbosakralen Übergangs entwickeln. Umgekehrt zeigen manche Pferde trotz bildgebender Veränderungen erstaunlich gute Kompensationsmechanismen.

Genau deshalb reicht eine rein statische Betrachtung häufig nicht aus. Entscheidend ist die Analyse des Bewegungsmusters:

  • Wie überträgt das Pferd Kraft?
  • Wie organisiert es Stabilität?
  • Wie reagiert die Lendenregion unter Belastung?
  • Wie arbeitet der Rücken im Zusammenhang mit Hinterhand und Schultergürtel?

Zwischen Ausbildung und Verschleiß

Besonders problematisch wird es, wenn biomechanisch ungünstige Bewegungsmuster über Jahre trainiert werden.

Ein Pferd kann lange „funktionieren“, obwohl:

  • der Rücken zunehmend fest wird,
  • die Hinterhand keine echte Tragkraft entwickelt,
  • die Lendenregion permanent überlastet ist,
  • und Kompensationen den Bewegungsablauf dominieren.

Die Folge sind häufig chronische Überlastungsprozesse:

  • Trageerschöpfung,
  • schmerzhafte Lendenfaszien,
  • Instabilität,
  • eingeschränkte Rückenbewegung,
  • oder degenerative Veränderungen.

Aus therapeutischer Sicht stellt das LSÜ deshalb nicht nur eine anatomische Struktur dar, sondern vielmehr einen funktionellen Schlüsselbereich für gesundes Reiten und gesunde Bewegung.

Gute Trainingsanweisungen missverstanden – der Weg in den Teufelskreis

Viele Trainingsanweisungen die wir heute bekommen sind gut gemeint, aber falsch interpretiert oder werden im Übermaß durchgeführt, teils extrem. Der Teufelskreis beginnt meist in jungen Jahren.

Die meisten Pferde werden heutzutage viel zu früh zu stark belastet – der Bereich der Brust, Lendenwirbelsäule ist allerdings erst mit 5-6 Jahren “voll” belastbar. Viele Pferde werden allerdings bereits mit unter 3 Jahren angeritten und mit 3 Jahren bereits auf Auktionen und in Wettbewerben “voll belastet” vorgeritten. Eine gute und pferdegerechte Ausbildung des Jungpferdes fördert gesundes Wachstum durch angemessene Forderung – ohne zu hohe Belastung.

Wo liegt das Problem? Durch das Reitergewicht kontrahiert die Muskulatur im Brust- und Lendenwirbelbereich.

Folge: Dadurch öffnet sich auch das LSG.

Durch das Reitergewicht wird die natürliche Vorhandlastigkeit des Pferdes erhöht. Um dem entgegenzuwirken, verbleibt die Vorhand in der Bewegung länger am Boden. Eine lange Rückführphase der Vorderbeine führt zum Festmachen der Muskulatur im Bereich der Lendenwirbelsäule. Ein Festmachen der Muskulatur im Lendenwirbelbereich wiederum führt beispielsweise dazu, dass der breite Rückenmuskel den Oberarm des Vorderbeins festhält bzw. zurückhält und das Pferd das Vorderbein vermehrt am Boden hält. – Ein Teufelskreis.

Das Pferd wird vorhandlastiger, das LSG öffnet sich.

Durch das Reitergewicht gerät der Schultergürtel unter Anspannung, macht sich fest und verliert seine natürliche Stabilisierungs- und Federungsfunktion. Dadurch wird der Raumgriff kleiner und die Beine verbleiben länger am Boden. Durch die Einschränkung des Schultergürtels und der lange am Boden bleibenden Vorderbeine erhöht sich die Belastung der tiefen Beugesehne und Grundsteine für Probleme wie Hufrollensyndrom werden gelegt.

„Man sollte bedenken, dass sich das Gewicht des Reiters während der Fortbewegung verdoppelt oder verdreifacht und dass ein berittenes Pferd mehr Energie benötigt; diese Energie muss durch eine Verlängerung der Standphase gewonnen werden, um während der Schwungphase mehr Energie zurückzugewinnen.“
 
(J. L. Morales, DVM, PhD, 1998)

Das Pferd wird vorhandlastiger, das LSG öffnet sich, bei höherem Tempo und längerer Belastung.

Die Sehgewohnheiten der modernen Pferdezucht und die falsche Mode, die Hinterbeine weit untertreten zu lassen – in und über die Fußspur der Vorderbeine – wird meist durch zu hohes Tempo herbeigeführt. Die vermehrte Vorhandlastigkeit der Pferde begünstigt das oben beschriebene „Nutzen“ mit fortschreitender Belastung.

Um sich nicht selbst zu verletzen, entwickeln Pferde Kompensationsmuster in der Bewegung und treten am Vorderhuf vorbei, der zu lange am Boden verbleibt. Mit der Zeit manifestiert sich z.B. das sich drehende Sprunggelenk und der Grundstein für Arthrose / Spat wird gelegt.

Der vermehrte Vorhandlastigkeit wird meist durch ein viel zu hohes Tempo und der faslchen Interpretation des Begriffs Vorwärts entgegenzuwirken.

Durch zu langes Bewegen der Pferde in vermehrter Schubkraft wird die Vorhandlastigkeit allerdings erhöht. Ferner werden die “Hanken” des Pferdes nicht mehr zur Federung eingesetzt, sondern es kommt zur “Anti-Hankenbeugung” – die Pferde treten bereits mit versteiften Gelenken auf und federn nicht mehr. Es kommt zu vermehrten Belastung der gesamten Strukturen der Hinterhand:

Die neuzeitlichen Sehgewohnheiten des “gespannten” Zügels und der falschen Interpretation des Begriffs Anlehnung haben zu einer permanenten meist hohen Einwirkung von unphysiologischen Kräften auf das Pferdemaul geführt. Die rückwirkenden Kräfte belasten nicht nur den Kiefer, und die Kopfgelenke, sondern setzen sich fort über die gesamte Halswirbelsäule und treffen am CTÜ – dem Übergang von Halswirbelsäulöe und Brustwirbelsäule auf die Muskulatur des Schultergürtels. Diesen Kräften versucht der Pferdekörper entgegenzuwirken und wird durch vermehrte Muskelspannung eingeschränkter in der Beweglichkeit. Die Gangmechanik der Vorhand wird eingeschränkt – die Vorderbeine verbleiben länger am Boden – was zum Festmachen der Muskulatur im Lendenwirbelbereich führt – und ? – richtig das LSG öffnet sich.

Wieviel Druck darf ein Reiter auf den Zügel geben? Wieviel Druck darf im Maul ankommen?

In der Natur ist eine Energieeingabe von vorne in und auf die Halswirbelsäule nicht existent
Eine rückwirkende Zügeleinwirkung ist damit für den Pferdekörper unphysiologisch
.
Studien haben gezeigt, dass Pferde bereits einem Druck von 0,6 – 1kg auszuweichen versuchen.
Messungen ergaben jedoch bei Reitern oft einen Dauerkontakt von über 5kg und Spitzenwerte von über 24 kg. In Bewegungen wie Trab und Galopp übertrug die als beständig empfundene Anlehnung alle Erschütterungen als diffuses Geruckel auf das Pferdemaul.

Ein weiterer Faktor für ein Öffnen des LSGs ist die falsche(!) Umsetzung des Vorwärts-Abwärts – auch hier ist nicht das Werkzeug / die Lektion das Problem, sondern die übermässige, falsche bzw. zum falschen Zeitpunkt angewandte Lektion. Kommt die Kopfhalsachse des Pferdes mit dem Genick unter Widerristhöhe gerät der Schultergürtel unter vermehrte Belastung (vor allem die Serratus Muskulatur) durch “kurzzeitiges” (wenige Meter) Tiefnehmen bei einem gesunden Pferd das sich anschliessend durch die Muskulatur wieder “erheben” kann – KANN (!) der Rumpfheber trainiert werden – ist das Pferd nicht dazu in der Lage – macht es sich im Schultergürtel fest, die Vorderbeine verbleiben länger am Boden – und ? richtig! das LSG öffnet sich.

„Trotz dieser unbestreitbar positiven Auswirkungen in der sportlichen Reiterei darf die Arbeit des Pferdes mit abgesenktem Hals nicht zu häufig wiederholt oder über einen zu langen Zeitraum ausgeführt werden, da die Überlastung der Vorderhand eine erhöhte Belastung von Knochen, Gelenken und Sehnen mit sich bringt.“

J.M. Denoix, Physiotherapie und Massage bei Pferden: Bewegungstherapie nach den Gesetzen der Biomechanik. Ulmer Eugen Verlag 2000

Derart trainierte Pferde sehen wir heute überall – das chronisch geöffnete LSG führt zum Beispiel zu den Pseudopiaffen die wir häufig im großen Sport sehen können.

Durch vermehrtes Treiben, vorn Gegenhalten und Spornieren wird versucht eine Versammlung herzustellen, die dem PFerd physiologisch nicht mehr möglich ist:

Was kann man tun um ein Pferd mit LSG Problemen zu “therapieren”

Fazit zum LSG/LSÜ beim Pferd

Der lumbosakrale Übergang gehört zu den zentralen biomechanischen Schaltstellen des Pferdekörpers. Hier entscheidet sich, ob Kraft aus der Hinterhand funktionell in Tragkraft und Aufrichtung umgewandelt werden kann oder ob Kompensationsmechanismen und Überlastungen entstehen.

Viele Probleme, die im Alltag als Trainings-, Rücken- oder Hinterhandprobleme erscheinen, besitzen ihren Ursprung in einer gestörten Funktion dieses Bereiches.

Ein tieferes Verständnis des LSÜ verändert daher nicht nur die therapeutische Betrachtung des Pferdes, sondern auch die Sicht auf Ausbildung, Bewegung und langfristige Gesunderhaltung.