Das Kiefergelenk 
und das Zungenbein

Die Bedeutung des lockeren Kiefers für die Losgelassenheit

Die Natur des Pferdes, dessen Anatomie und Biomechanik sollte der maßgebliche Wegweiser für das Reiten eines Pferdes sein. Im folgenden möchte ich noch ein wenig mehr Augenmerk auf den Kiefer und seine Bedeutung für die Reiterei eingehen Ein erste wenn nicht die wichtigste Erkenntnis zur gesunden Bewegung und gesunder Reiterei möchte ich im ersten Abschnitt unseres Ausflugs in die Anatomie und Biomechanik aufgreifen., Starten wir mit einem Zitat, das wie kaum ein anderes aufzeigt, wo für viele Reiter bereits das Grundproblem liegt – beziehungsweise, wo die Lösung zu suchen ist. Salomon de la Broue bemerkte bereits im 16 Jahrhundert:
“Die vollkommene Leichtigkeit des Pferdes beginnt schon im Maul “
Der Schlüssel zu feinem Reiter führt also über einen der sensibelsten Teile des Pferdekörpers – dem Maul des Pferdes. Wir sprechen zwar immer davon dass der Motor des Pferdes hinten sitzt und dass wir von hinten nach vorne Reiten sollen – dem möchte ich „in der Bewegung“ auch nicht widersprechen – der Schlüssel zum Motor sitzt aber vorne im Maul. Der Reitmeister Salomon de la Broue spricht hier bereits im 16. Jahrhundert von der Leichtigkeit – der Légèreté. Dazu sei bemerkt – die Légèreté ist also keine neuzeitliche Erfindung und Gegenbewegung zum englischen Reiten oder gar ein unter Markenschutz stehendes Reitkonzept, sondern vor allem eine Grundeinstellung, eine Philosophie des Reiters – wie er nämlich sein Pferd geritten wissen will. Möglichst in Leichtigkeit – in Légèreté. Leider sieht man fast ausschließlich Pferde mit zu fest verschnalltem Nasenriemen in Kombination mit ebenfalls sehr fest verschnallten Sperriemen. Das ganze wird dazu noch durch die Zaumhersteller in die falsche Richtung gelenkt – wer einmal in einem typischen Reitsportgeschäft einen Zaum ohne Sperriemen versucht hat zu finden, weiß wovon ich rede.
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Zwei Finger sollten zwischen Nasenriemen und Nasenbein des Pferdes passen
Die eigentlich bekannte Regel, dass zwei Finger zwischen Nase des Pferdes und Nasenriemen passen müssen, hat absolut seine Berechtigung und ist essentiell für gesundes Reiten. Leider wird die Regel nahezu gar nicht angewandt und Nasenriemen bis zum letzten Loch zugeknallt.
Ferner ist das sogenannte schwedische Reithalfter einer DER TOP-SELLER – bei diesem Instrument, wird das sehr feste Verschnallen des Nasenriemens durch eine Umlenkrollenkonstruktion besonders bequem und einfach gemacht. Aus meiner Sicht passt diese Art der Verschnallung maximal zur Folterkammer der spanischen Inquisition – gehört aber nicht zum fairen Umgang mit dem Pferd. Am Pferdeschädel findet man kleine Öffnungen durch die Blutgefäße und Nerven nach außen geführt werden. An diesen Stellen sollte logischerweise niemals permanenter Druck stattfinden. Das ist für die Pferde sehr unangenehm!
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Das Kiefergelenk befindet sich weit entfernt vom Einflussbereich des Gebisses
Des weiteren haben wir es bei der Behandlung von Pferden leider sehr häufig mit einer Verspannung der Kaumuskulatur zu tun. Ursache ist neben dem zu fest verschnalltem Nasenriemen, oftmals eine harte Reiterhand und Stress,

Der Einfluss des Kiefergelenks wird von vielen Reitern und Ausbildern leider immer noch unterschätzt.

Auch wenn der Teil, den wir als Maul des Pferdes sehen und auf den wir z.B. beim Reiten mit einem Gebiss Einfluss nehmen, viel weiter unten situiert ist, so findet die Bewegung des Kiefers weit entfernt von diesem Einflussbereich statt.

Ober- und der Unterkiefer sind über das Kiefergelenk miteinander verbunden. Das Kiefergelenk sitzt relativ nah am Hinterhaupt und damit in unmittelbarer Nähe des Genicks. Daher verwundert es nicht, dass zu eng verschnallte Reithalfter Blockaden des Kiefergelenks und des gesamten Genickbereichs hervorrufen können.

Ferner muss man sagen ist die Beweglichkeit des Kiefergelenks wichtig für den Speichelfluss, das Abschlucken und damit Grundvoraussetzung für Losgelassenheit.

Ohne einen lockeren beweglichen Kiefer ist eine korrekte Beizäumung des Pferdes nicht möglich.

Werfen wir daher mal einen genaueren Blick auf die Region des “Genicks”

Das Atlanto-Axial Gelenk ist ein Zapfengelenk
Das Atlanto-Axial Gelenk ist ein Zapfengelenk

Der erste Halswirbel des Pferdes ist der “Atlas” – Der Atlaswirbel lässt sich relativ gut erfühlen und wird gekennzeichnet von den prägnanten Atlasflügeln.

Das Gelenk welches durch den Atlas und das Hinterhaupt gebildet wird nennt man auch Ja Sager Gelenk. Denn es ermöglicht in erster Linie ausschließlich Beugung und Streckung – also Heben und Senken des Kopfes.

Der zweite Halswirbel ist der “Axis” – diesen nennt man auch “Umdreher”. Er ist mit dem Atlaswirbel über einen Knochenzahn den “dens” verbunden. Das dort entstehende Gelenk ermöglicht ausschließlich Rotationen. Keine Beugung und keine Streckung. Daher nennt man dieses auch das Nein-Sager-Gelenk.

Wer sich verdeutlicht, dass man durch die Einwirkung auf das Gebiss eigentlich relativ wenig “direkte” Einflussnahme auf diese Gelenke nehmen kann, der hat schon viel über die Reiterei verstanden. Vor allem dass es relativ wenig Sinn macht durch Wechselseitiges rechts links ziehen am Zügel – also Riegeln des Pferdes – zu versuchen das Pferd zur Beizäumung “ohne” Verspannung zu animieren.

Ein weiterer wichtiger Faktor im Zusammenhang für die Losgelassenheit ist das Zungenbein.

Das Zungenbein wird leider in vielen Anatomie-Zeichnungen nicht dargestellt. Sogar an den meisten Präparaten, also vollständigen Pferdeskeletten, findet sich selten dieser enorm wichtige Teil des Pferdekopfes. Dabei ist das Zungenbein ein wichtiger Einflussfaktor für die Entspannung, Losgelassenheit und das Gleichgewicht des Pferdes. Durch Stress, zu enges Reiten, Angst etc. kann es zu Verspannungen und damit Blockaden des Zungenbeins kommen. Greift man von unten an den Pferdekopf kann man mit etwas Geschick das Zungenbein sogar fühlen. Therapeuten schauen gezielt nach dem Zungenbein, ob dieses in seiner Beweglichkeit beeinträchtigt ist, und können ggf. die Beweglichkeit wieder herstellen. Ein im Zungenbein blockiertes Pferd kann schlecht bis gar nicht zur Losgelassenheit kommen.

Hier kann man von “kleiner Ursache” großer Wirkung sprechen – denn durch die am Zungenbein ansetzenden Muskeln kann sich eine Ursachen-Folgekette erheblichen Ausmaßes ergeben, in Folge dessen das Pferd enorm in seiner Beweglichkeit und seinem Gleichgewicht eingeschränkt ist. Bei Menschen ergeben sich sogar Folgen wie Schwindel aus einer Zungenbeinblockade.

Warum das so ist möchte ich im Folgenden verdeutlichen:

Das Zungenbein ist funktional mit der oberen und unteren Muskelkette verbunden.

Die Muskeln, die für das Öffnen des Mauls zuständig sind, sind direkt verbunden mit dem Nacken, mit dem Brustbein, und den Schultern. Wir sehen hier eine funktionale “Kette” die sich aus dem Maul über den Rücken bzw. den Bauch bis zur Hinterhand des Pferdes erstreckt.

Ohne lockeren und nachgiebiegen Kiefer kann das Pferd nicht nur das Genick nicht “leicht” hergeben, sondern nicht selten ist der Energiefluss der Muskelketten bis ins Kreuzdarmbeingelenk gestört.

Es wird deutlich, dass wir die Hinterhand des Pferdes kaum kontrollieren können, wenn der Kiefer nicht frei beweglich ist.

Im Umkehrschluss heißt das, dass eine rückwirkende harte Hand, gegen die sich das Pferd mit einem festmachen der Zunge “wehrt”, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verspannung im ganzen Pferd nach sich zieht.

Natürlich funktionieren die Muskelketten in beide Richtungen – was verständlich macht, dass ein Pferd, das eine gewisse Zeit eine gute Lösungsphase durchlaufen hat durch die Bewegung zum lockeren Kiefer kommen kann – allerdings heißt es auch, dass es während dieser Zeit eine eher ungesunde Bewegungspase durchlaufen hat.

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